Begrüßung von Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland

Ich heiße Sie herzlich willkommen in Berlin. Es ist mir eine große Freude, Sie zum heutigen Festakt zu Ehren einer wahrhaft außergewöhnlichen Persönlichkeit begrüßen zu dürfen.

Professor Dr. Hubert Burda erhält den Leo-Baeck-Preis 2006 für seinen Einsatz für Toleranz und sein Eintreten für das friedliche Miteinander von Religionen und Kulturen. Für diese Ziele hat der Preisträger viele Initiativen und Projekte im wissenschaftlichen wie nicht-wissenschaftlichen Kontext ins Leben gerufen und bis heute begleitet. Dabei begrenzt Professor Burda sein Engagement nicht auf den deutschsprachigen Raum.

Ohne dem Laudator des heutigen Tages, meinem Kollegen Professor Korn vorgreifen zu wollen, nutze ich die Gelegenheit, um Sie alle an einer – in meinen Augen ganz wesentlichen – Sentenz unseres Preisträgers teilhaben zu lassen: „Die Welt eines Verlegers", erklärte Professor Burda vor gut einem Jahr, sei immer auch „eine Welt der Ideen." Zur Erläuterung nannte er die Metapher der Himmelsleiter, die Jakob im ersten Buch Mose im Traum erscheint, und die in vielerlei Kunstwerken Eingang gefunden hat. Ich zitiere nochmals: „So weit ich zurückdenken kann, hat mich die Migration der Ideen in Texten und Bildern ganz besonders beschäftigt." Damit stehen Sie, geschätzter Professor Burda, in der Tradition zweier herausragender jüdischer Verlegerpersönlichkeiten in diesem Land.

Ich spreche von Leopold Ullstein und Rudolf Mosse. Beides Philanthropen mit Intellekt, Herz und Verantwortungsbewusstsein. Beide haben sie wichtige Impulse für die Entwicklung der deutschen Presselandschaft gesetzt. Und beide haben ihre Blätter immer auch in den Dienst dieses Landes und seiner Menschen gestellt. Es ist diesen Männern – wie vielen anderen Intellektuellen auch – ein besonderes Anliegen gewesen, Gedanken und Ideen in der Welt des aufgeklärten Bürgertums auf Wanderschaft zu schicken.

Ihr Interesse an jener blühenden Epoche, ihre Kenntnisse der Gedanken und Leistungen dieser Männer und Frauen der christlich-jüdischen Kultur, sind immens. Ich schätze mich glücklich, dass Sie mir in zahlreichen Gesprächen die „Welt ihrer Ideen" skizziert und vorgestellt haben. Es ist immer eindrucksvoll, wenn Sie von Ihren Begegnungen mit dem jüdischen Leben in der ganzen Welt berichten. Darauf aufbauend, dies reflektierend, haben Sie bereits vor Jahren bewusst und überlegt die weit reichende Entscheidung getroffen, für Sie selbst wie für die anderen Menschen Brücken zu bauen zwischen der jüdischen und nicht-jüdischen Welt. Dies ist Ihnen in der Vergangenheit eindrucksvoll und auf bemerkenswerte Weise gelungen und Sie haben mit Ihrem Engagement Bedeutendes, Wesentliches bewirkt.

Dieses Engagement, das auf einem durch und durch menschlichen, im besten Wortsinne aufgeklärten Charakter gründet, verbindet alle mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichneten Männer und Frauen. Dem Zentralrat der Juden ist es wichtig, mit dieser Ehrung auch ein Signal in die Gesellschaft zu senden: Ein Signal wider der Tendenz des stumpfen Vor-Sich-Hin-Lebens, ein Signal wider einer Gesellschaft des kollektiven Achselzuckens, der Gleichgültigkeit und des Wegschauens.

Wir brauchen ein neues Bürgerethos. Und nur dann, wenn wir dieses gemeinsam entwickeln können, werden sich Menschen in einem positiven und engagierten Sinne mit unserem Land identifizieren. Wir müssen erkennen, dass uns nur Dialog und Disput, dass uns der Wettstreit von Gedanken und Ideen aus der gesellschaftlichen Lethargie reißen können. Wir brauchen – mit der Formulierung unseres Preisträgers gesprochen – mehr Frauen und Männer, die ihre Ideen auf Wanderschaft schicken.

Wer seinem Gegenüber mit Respekt für dessen Person und Gedanken begegnet, der muss zwar nicht zwangsläufig mit ihm einer Meinung sein. Er wird aber erkennen, dass ein Miteinander sehr viel fruchtbarer und vitaler ist als das Nebeneinander.

Alle unsere Leo-Baeck-Preisträger leben und arbeiten nach diesem Ethos – auch wenn sie in unterschiedlichen Kontexten und Disziplinen beheimatet sind. Sie alle eint jedoch die Tatsache, dass sie Vorbilder sind und ihre Position umsichtig und dabei selbstbewusst nutzen. Sie tun dies nicht zum Ruhme der eigenen Person, sondern zum Wohle der Gesellschaft. Unser Preis ist Anerkennung und Dank für dieses Engagement.

Auf den Tag genau heute vor 50 Jahren ist Leo Baeck, der Rabbiner und Religionsphilosoph, dem unser Volk so vieles zu verdanken hat, verstorben. Ich bin sicher, dass er – trotz allem, was er erleben musste – glücklich wäre, wenn er hätte erfahren können, dass es in diesem Land wieder ein vitales jüdisches Leben gibt. Obwohl er unter dem Eindruck der Shoah das Ende des Judentums in Deutschland prognostiziert hatte. Glücklich wäre er mit Sicherheit auch, wenn er erfahren würde, welche Persönlichkeiten mit dem Preis ausgezeichnet wurden, der seinen Namen trägt. Und er wäre sehr zufrieden bei dem Gedanken, wer sich heute in diese Liste eintragen wird.

Verehrter Herr Professor Burda, für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist es gut zu wissen, einen derart verlässlichen und engagierten Partner an ihrer Seite zu haben. Es ist mir eine große Ehre und persönliche Freude, Ihnen zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises 2006 gratulieren zu dürfen, und übergebe nun das Wort an Herrn Professor Dr. Salomon Korn, den Laudator der heutigen Feierstunde.

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Es gilt das gesprochene Wort