4. Jahrgang Nr. 6 / 25. Juni 2004 - 6. Tamus 5764

Marion durfte nicht leben, weil sie jüdisch war

Das Buch über ein vergastes jüdisches Mädchen wird für einen deutschen Lehrer und ein New Yorker Holocaust-Opfer zum Schlüssel für die eigene Geschichte

Von Holger Matthies

Vor einigen Tagen fand der Greifswalder Gymnasiallehrer Stefan Pohl eine Einladung zur Verleihung des Marion-Samuel-Preises, der von der »Stiftung Erinnerung« unter der Schirmherrschaft der Vereinigung »Gegen Vergessen - Für Demokratie« verliehen wird, in seinem Briefkasten. Fast hätte er sie in den Müll geschmissen, denn zunächst vermutete er eine Werbeaktion. Den Namen Marion Samuel hatte er noch nie gehört. Neugierig wurde der Lehrer erst, als er auch den Namen seiner Tante auf der Einladung fand. Offensichtlich hatte die Sache etwas mit seiner Familie zu tun.

Marion Samuel war ein jüdisches Mädchen, das 1943 im Alter von zwölf Jahren in Auschwitz ermordet wurde. 1996 benannte die Stiftung den Preis, der an Personen verliehen wird, die sich auf besonders wirkungsvolle Weise gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Verbrechen des Nationalsozialismus einsetzen, nach ihr, um damit an die während des Holocaust ermordeten jüdischen Kinder zu erinnern. Den Namen wählte man nach dem Zufallsprinzip aus dem Gedenkbuch für deportierte deutsche Juden.

Jetzt erhielt der Journalist und Holocaust-Forscher Götz Aly die mit 12.500 Euro dotierte Ehrung. Aly wollte wissen, wer das Mädchen war, von dem nur der Name überdauert hatte. Seine Spurensuche führte ihn nach Greifswald und ins polnische Choszczno, ins Konzernarchiv von Daimler-Chrysler, nach Königsberg und schließlich nach Washington und New York. Dort hat er Fred Samuel gefunden, Marion Samuels Cousin, dessen Familie damals die Flucht in die USA gelang.

Götz Aly machte bei seinen Recherchen erstaunliche Erfahrungen: „Wenn man heute im Konzernarchiv von Daimler-Chrysler nach einem ehemaligen jüdischen Zwangsarbeiter fragt, wird man so bevorzugt behandelt, als wolle man ein neues Auto kaufen.“ Seine Ergebnisse hat er in dem fesselnden Buch „Im Tunnel“ zusammengefasst: Es beschreibt die schrittweise Zerstörung und Auslöschung einer ganz normalen Familie. Was daran so erschreckt, ist die abgründige bürokratische Korrektheit, mit der dies geschah. Alles ist dokumentiert, jede Kleinigkeit als aktenmäßiger Vorgang akribisch erfasst - deutsche Verwaltungsgründlichkeit begleitete die Opfer bis an die Tür der Gaskammer.

Auf der Titelseite des Buches sind auf dem Ausschnitt eines alten Fotos aus den dreißiger Jahren drei Kinder zu sehen. Der etwa sechsjährige Junge neben Fred und Marion Samuel ist ein weiterer Cousin des ermordeten Mädchens. Es ist Stefan Pohls Vater. Pohls Großmutter Helene, Marion Samuels Mutter Cilly und Fred Samuels Vater waren Geschwister. Der Pädagoge, der sonst seinen Schülern Geschichte nahe bringt, hat bis vor kurzem nicht gewusst, dass es an seinem Lebensbaum Wurzeln gibt, die in Auschwitz verbrannt sind. Was bislang Stoff einer Unterrichtseinheit war, ist plötzlich Teil seiner eigenen Biografie.

Alys Buch ist für Pohl zu einem Schlüssel in die Vergangenheit geworden, denn seinen Vater kann er nicht mehr fragen. Er starb vor acht Jahren. Der 34-Jährige erfährt, wie sein Vater als „Halbjude“ in der Schule schikaniert wurde und dass seine jüdische Großmutter nur deshalb der Deportation entgehen konnte, weil sie mit einem Christen verheiratet war. Zu der Familie gehört auch Fred Samuel, der Cousin seines Vaters, der heute in New York wohnt und den er jetzt getroffen hat. Seit seine Familie Deutschland 1939 verlassen musste, ist er nie wieder in sein Geburtsland zurückgekehrt. Mit Blick auf das alte Foto im Buch sagte er:„Hätte man die Plätze vertauscht, stünde Marion Samuel jetzt hier und ich wäre ihren Weg gegangen.“ All die Jahre, so erzählt der grauhaarige Herr, habe er Deutschland gegenüber sehr negative Gefühle gehabt. „Ich habe nie deutsche Produkte gekauft, ich bin nie ein deutsches Auto gefahren.“ Er wollte nie wieder den Boden jenes Landes betreten, das einen Großteil seiner Angehörigen umgebracht hat.

Seit Götz Aly ihn bei seinen Nachforschungen wie die Nadel im Heuhaufen aufgespürt hat, hat sich Samuels Einstellung zu Deutschland verändert. „Ich habe einen Teil meiner Geschichte zurückbekommen und hier Freunde gefunden. Irgendwann muss man das Übel hinter sich lassen.“ Von Fred Samuel stammt das alte Familienfoto, das der toten Marion Samuel ein Gesicht gab. Das Bild eines Mädchens, das eine Schleife im Haar trägt, mit großen dunklen Augen neugierig in die Welt blickte und nicht leben durfte, weil es Jüdin war.

Götz Aly, „Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931 – 1943“. Fischer Taschenbuchverlag, 150 Seiten, 7,90 Euro