6. Jahrgang Nr. 10 / 27. Oktober 2006 - 5. Cheschwan 5767

Fern der Heimat

Jüdisches Museum Berlin zeigt bemerkenswerte Ausstellung „Heimat und Exil. Emigration der deutschen Juden nach 1933"

Von Ulf Meyer

Als „Heimat" wird die „Gesamtheit der Lebensumstände, in denen ein Mensch aufwächst" bezeichnet. Sie besteht aus Orten, Bildern, Stimmen und Gerüchen, Sprache, Geschichte und Kultur und sie ist ein fragiles Konstrukt, das die Psyche der betroffenen Menschen entscheidend prägt.

Vor der Machtergreifung der Nazis war Deutschland die Heimat von etwa einer halbe Million deutscher Juden. Mehr als die Hälfte von ihnen – 250 000 - haben ihre Heimat nach 1933 verlassen – weil sie dazu gezwungen wurden. Das bedeutete, sie mussten irgendwo in der Welt ganz von vorne anfangen. In der neuen Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin „Heimat und Exil. Emigration der deutschen Juden nach 1933" geht es um das Thema Heimat und ihr Pendant „Exil". Damit hat sich das Museum an eines der wichtigsten, traurigsten und kaum in einer Ausstellung greifbaren Themen der jüngeren deutsch-jüdischen Geschichte gewagt. Denn Heimat bezieht sich weniger auf eine geographische Verbundenheit als vielmehr auf starke emotionale Bindungen.

Mit der beeindruckenden Ausstellung, die sich erstmalig überhaupt diesem komplexen Thema versucht anzunähern, leistet das Jüdische Museum einmal mehr einfühlsame Pionierarbeit: Nie zuvor wurden der erzwungene Exodus der deutschen Juden nach 1933 und ihre Integration in eine fremde Umgebung in einer so umfassenden Schau illustriert. Anstatt nur auf Daten und Zahlen zu setzen, haben die Kuratoren sich klugerweise auf einige exemplarische Schicksale konzentriert und versuchen, mit einer Fülle von „alltäglichen" Exponaten, den Verlust der Heimat in Bilder zu übersetzen. Die Ausstellung erzählt von Verfolgung und Fluchtvorbereitung, von Reisewegen in eine ungewisse Zukunft und vom Neuanfang in einer fremden Welt. Das reiche biografische Material wird durch Video- und Audiostationen ergänzt, an denen die Besucher in die unterschiedlichen Lebenswege eintauchen können.

Auch wenn e inige prominente Flüchtlinge wie Heinz Berggruen (Kunstsammler) oder Michael Blumenthal (Direktor des Jüdischen Museums Berlin) unter den Portraitierten sind , so stehen im Mittelpunkt der Schau die „kleinen Leuten". Viele Familien gingen - als es sich angesichts von Staats-Antisemitismus, Vertreibung und Pogrom deutlich abzeichnete, dass Deutschland ihnen keine Heimat mehr sein wollte - zunächst nach Holland oder Frankreich. Besonders nach den Novemberpogromen von 1938 war für viele deutsche Juden die Flucht überhaupt der einzige Ausweg, der ihnen blieb.

Mit dem tatsächlichen Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurden die ersten europäischen Zufluchtsorte zur Falle und die Emigrationsziele lagen in immer weiterer Ferne, waren bisweilen auch sehr exotisch: In über hundert Länder sind deutsche Juden geflohen, von Uruguay über China bis Südafrika. Oder besser: emigriert. Denn nicht jeder Emigrant wollte als Flüchtling abgestempelt werden, wie etwa Hannah Arendt, die großen Wert darauf legte, Deutschland bewusst verlassen zu haben. So schrieb sie: „Wir mögen es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge' nennt. Wir bezeichnen uns als ‚Neuankömmlinge' oder ‚Einwanderer'".

Wie verzweifelt viele deutsche Juden um Unterstützung für ihren Visumsantrag bitten mussten, beweisen beispielsweise Bittbriefe deutscher Juden an ihre Namensvettern in New York, deren Adresse sie aus dem Telefon abgeschrieben hatten.

Die Situation in den Aufnahmeländern war politisch und wirtschaftlich völlig unterschiedlich: Während zwei der wichtigsten Länder, die USA und Palästina, in den meisten Fällen zu einer neuen, geliebten Heimat heranreifen konnten, erwiesen sich andere Länder - wie China oder die Dominikanische Republik - nur für die wenigsten deutsch-jüdichen Emigranten als dauerhafte neue Heimat. Eine neue materielle Grundlage zu schaffen, fiel vielen genauso schwer wie die Anpassung an eine fremde Umgebung, Klima und Kultur. Anderen Emigranten gelang ein schneller sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg in der neuen Welt.

In der Berliner Ausstellung treten Menschen mit ihrer persönlichen Erfahrungen und ihren individuellen Wegen hervor . Nur wenige der Emigranten sind nach 1945 nach Deutschland zurückgekehrt und haben ihre alte Heimat zu ihrer neuen Wahlheimat gemacht. Denn a us ihrer Heimat war das „Land der Täter" geworden. Ciceros Bemerkung, „Vaterland ist, wo immer es gut ist", war und ist leichter gesagt als gelebt...

Jüdisches Museum Berlin, bis 9. April 2007 täglich 10 bis 20 Uhr, montags bis 22 Uhr Eintritt: 4 Euro, erm. 2 Euro;
www.jmberlin.de/exil
Katalog im Suhrkamp Verlag , 24,90 Euro.
Im Anschluss ist die Schau in Bonn und Leipzig zu sehen.