6. Jahrgang Nr. 10 / 27. Oktober 2006 - 5. Cheschwan 5767

Auf Umwegen zum Rabbinat

Rabbiner im Portrait: Daniel Katz betreut die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen

Johannes Boie

„Mit vier Jahren", sagt Rabbiner Katz, „konnte ich ganz gut Hebräisch sprechen." Dann wusste Daniel Katz wohl schon sehr früh, was er werden wollte, oder? „Von wegen", lacht der 45-jährige Rabbi, „mit sechs Jahren konnte ich kein Wort mehr sagen."

Schuld am Hebräisch-Lernen war der orthodoxe Kindergarten, den Katz als kleiner Junge in der New Yorker Bronx besucht hat. „Aber wir waren keine religiöse Familie und vor allem konnte bei uns niemand Hebräisch. Deshalb habe ich es am Ende wieder verlernt", erinnert er sich. „Ich erinnere mich nur dunkel an Schabbat mit den Eltern meines Vaters. Aber an mehr auch nicht." Die Familie lebte nicht lange in dem berüchtigten Stadtteil, vielmehr zieht sie schon bald mit dem kleinen Daniel und seiner fünf Jahre jüngeren Schwester nach Manhattan. Katz-Senior ist Verleger und veröffentlicht außerdem – wie seine Frau gleichermaßen – eine Menge eigener Bücher. Die Familie Katz war hunderte Jahre zuvor aus Osteuropa - Ungarn, Russland und Polen – in die USA eingewandert.

„Als Kind in New York zu sein, ist super", erinnert sich Daniel Katz an seine Kindheit. In Manhattan besucht er ein sehr gutes und kleines aber ebenfalls nicht religiöses Gymnasium. „Das Lesen des Tanachs fiel da in das Fach ‚englische Literatur'." Ab und zu besucht der Schüler den Religionsunterricht in einer Synagoge. Aber schon bald langweilt er sich, geht schließlich nicht mehr hin und wächst schließlich sogar ohne ein Bar Mitzwa auf.

„Aber sehen Sie", erklärt der Rabbi heute, „Bar Mitzwa ist ein Status in den jeder Jude altersbedingt eintritt. Man muss das nicht unbedingt zelebrieren." Das ist Katz wichtig: Es gebe nicht einfach nur gläubig und ungläubig. „Die Welt ist nicht schwarz oder weiß. So einfach ist das nicht", findet er. „Man muss sich mit dem Glauben auseinandersetzen, seine eigenen Antworten finden."

Erst am College, bei einem Konzert italienischer, synagogaler Musik des 17. Jahrhunderts, wird dieses besondere Etwas in Katz geweckt. Der promovierte Musikwissenschaftler liebt die Musik und er beginnt über sie, den Weg zu seiner Religion zu finden. Als er ein Fulbright-Stipendium erhält und als Doktorand nach Europa fährt, erlebt Katz zum ersten Mal, „wie es ist, sich als Jude mit der eigenen Identität beschäftigen zu müssen". In den USA könne man einfach Jude sein, in Italien habe er das Gefühl gehabt, Synagogen besuchen zu müssen.

In Bologna nimmt er Hebräischunterricht. Zurück in Amerika entscheidet er sich, mit der Hilfe eines Freundes in Synagogen beim Gottesdienst zu helfen. „Am Anfang habe ich einfach nur das gesungen, was ich vom Notenblatt singen konnte – ohne es zu verstehen." Katz wird nach einem weiteren Studienjahr in Jerusalem schließlich Kantor in einer kleinen jüdischen Gemeinde außerhalb von New York. Weil es dort keinen Rabbiner gibt, übernimmt er dessen Aufgaben – und absolviert mit Hilfe eines Mentors die Ausbildung zum Rabbiner. Die Musik hat ihn zu seinem Ziel geführt: Katz ist Rabbiner geworden. Und die Musik begleitet ihn auch weiterhin – vor allem zurück nach Europa, wo er mit Hilfe eines zweiten Fulbright-Stipendiums erneut gelandet ist - über Schweden und Kiel bis nach Duisburg, wo er seit fünf Jahren Rabbiner der Gemeinde ist. Auf jeden Fall spielt Musik in seinem Leben immer eine Rolle – sie ist und bleibt sein Weg.