6. Jahrgang Nr. 9 / 22. September 2006 - 29. Elul 5766

Klinik mit multikulturellem Charakter

Deutschlands einziges Jüdisches Krankenhaus wird 250 Jahre alt – Sonderausstellung zum Jubiläum

Von Ulf Meyer

Ein "Hekdesch" wollte das Haus schon bei seiner Einweihung vor 250 Jahren sein - ein "wohltätiges Lazarett für Juden". Jetzt, zweieinhalb Jahrhunderte später, feiert das Jüdische Krankenhaus in Berlin sein Jubiläum. Es ist die zweitälteste Berliner Klinik nach der Charité. Gegründet wurde das "Juden Lazarett" in der Spandauer Vorstadt 1756 an der Oranienburger Straße in Mitte. Es stand unter der Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und war zu seiner Zeit das einzige größere jüdische Hospital in Deutschland.

Als erster Arzt betreute Marcus Herz das Krankenhaus, dessen junge Frau Henriette Ende des 18. Jahrhunderts mit ihrem literarischen Salon in die Geschichte einging. 1861 zog das jüdische Krankenhaus in einen Neubau an der Auguststraße in Mitte, den der Architekt Eduard Knoblauch als Klinkerbau im klassizistischen Stil gestaltet hatte. Wegen seiner renommierten Mediziner genoss das Haus schon bald einen ausgezeichneten Ruf über die Grenzen der Konfession hinaus. Als es 1914 abermals zu klein wurde, zog das Krankenhaus in einen Neubau im Stil der Frühmoderne an der Exerzierstraße im Bezirk Wedding, die inzwischen makabarerweise "Iranische Straße" heißt. Im jüdischen Krankenhaus wirkten berühmte Ärzte wie Hermann Strauß, Ludwig Traube (18818-1876) - der sich als erster jüdischer Mediziner an der Berliner Universität habilitieren durfte - oder Rudolf von Langenbeck - Kollege Rudolf Virchows und Gründer der Deutschen Chirurgischen Gesellschaft - und James Israel, der als Vater der urologischen Chirurgie und Begründer der Nierenchirurgie in die Medizingeschichte einging.

Die medizinischen Leistungen bewahrten das Haus jedoch nicht vor den Folgen des Nationalsozialismus: 1933 wurde den Medizinern zunächst die Behandlung von "Ariern" verboten und nicht-jüdische Angestellte wurden gezwungen, ihre Mitarbeit aufzugeben. Dem Krankenhaus drohte die Schließung. Zudem machten Plünderungen und eine schlechte Versorgung den geregelten Krankenhausbetrieb immer schwieriger. Die Klinik wurde ab 1938 für viele jüdische Ärzte in Deutschland zur einzig möglichen Wirkungsstätte: Denn sie durften, nachdem ihnen die Approbation von den Nationalsozialisten aberkannt wurde, nur noch Juden behandeln. In den Räumen der ehemaligen Pathologie wurden Gestapo- und Polizeidienststellen eingerichtet und die Klinik wurde zum Sammellager für den Abtransport von Berliner Juden in die Konzentrationslager. Ab 1943 schließlich war das Krankenhaus die letzte funktionierende jüdische Einrichtung in Berlin. Dennoch geschah beinah ein Wunder: Tausend Menschen gelang es, auf dem Klinikgelände die Nazi-Zeit zu überstehen. Als das Jüdische Krankenhaus 1945 durch die Sowjetische Armee besetzt wurde, begegneten ihnen dort Patienten, Kinder und Gefangene.

Sofort nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Krankenhausbetrieb wieder aufgenommen. Die Finanzierung des Krankenhauses nach dem Holocaust war für die Jüdische Gemeinde zu Berlin unmöglich: 1963 wurde das Klinikum deshalb in eine Stiftung bürgerlichen Rechts umgewandelt, deren Träger bis heute neben der Gemeinde auch das Land Berlin ist. Das Stiftungskapital war das Grundstück. Seitdem hat es auf dem Gelände zahlreiche bauliche Um- und Neubauten gegeben, zuletzt wurde 1998 ein neues Wirtschaftsgebäude mit Cafeteria gebaut.

Heute ist das jüdische Krankenhaus ein modernes Unfallkrankenhaus mit 340 Betten und zwei Spezialabteilungen: In der Psychiatrie ist es die Suchtmedizin und in der Neurologie die Behandlung von Multipler Sklerose. Für 3,5 Millionen Euro wurde die Intensivstation modernisiert, für den Umbau der Operationsräume stehen weitere 4,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Was ist nun das besonders „Jüdische" an der Klinik, zumal nur ein Bruchteil der 550 Mitarbeiter und der jährlich rund 20.000 Patienten Juden sind. "Bei gleicher Qualifikation bevorzugen wir aber Juden bei Neueinstellungen", sagt der ärztliche Direktor, Uri Schachtel. Außerdem hat das Krankenhaus eine Synagoge – dort fand am 11. Mai 1945 der erste jüdische Gottesdienst in Berlin nach der NS-Zeit statt -, bietet koscheres Essen und begeht die jüdischen Feiertage. Darüber hinaus versteht sich das Jüdische Krankenhaus heute aber als "multikulturell und überkonfessionell": Muslime lassen dort gerne ihre Söhne rituell beschneiden.

Aus Anlass des 250-jährigen Geburtstages wird in der Klinik die Ausstellung "Vom Hekdesch zu Hightech - 250 Jahre Jüdisches Krankenhaus Berlin" gezeigt. In der ehemaligen Cafeteria (Montag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, Sonntag 12-16 Uhr) sind Fotos, Dokumente und Originalinstrumente zu sehen.

Jüdisches Krankenhaus Berlin,
Heinz-Galinski-Straße 1,
Infos unter:
www.juedisches-krankenhaus.org