6. Jahrgang Nr. 9 / 22. September 2006 - 29. Elul 5766

Wichtiger Schritt

Nach über 60 Jahren wurden in Deutschland erstmalig wieder Rabbiner ordiniert

Es waren die leisen Momente, die stillen Tränen, die eindringlichen Gesänge und die feierliche Atmosphäre, die der ersten Rabbinerordination nach dem Holocaust in Deutschland ihren unverwechselbaren Charakter gaben. Auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Jüdischen Gemeinde Dresden und dem Abraham Geiger Kolleg feierte die jüdische Gemeinschaft gemeinsam mit rund 250 Religionsvertretern, Politikern sowie Gästen am 14. September in der Dresdner Neuen Synagoge die erste Ordination von in Deutschland ausgebildeten Rabbinern. Die letzte Ordination eines Rabbiners in Deutschland hatte 1940 in Berlin stattgefunden. Seither amtierten in Deutschland nur Rabbiner, die im Ausland ordiniert wurden, weil es bis vor wenigen Jahren hier keine Ausbildungsmöglichkeit gab.

Diese Aufgabe hatte 1999 das Potsdamer Abraham Geiger Kolleg übernommen, das 2001 seine ersten Studenten aufnehmen konnte – eben jene, die nun feierlich in ihr Amt eingeführt wurden. Kolleg-Direktor Rabbiner Walter Jacob erinnerte in der Feierstunde an die Schließung der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums 1942 durch die Nationalsozialisten. Heute werde ein neuer Anfang gemacht, mit neuer Schule und mit neuen Rabbinern, betonte der Präsident des Abraham-Geiger-Kollegs, Oberrabbiner Walter Jacob, und erinnerte mit tief bewegenden Worten daran, das 15 Generationen seiner Familie in Deutschland als Rabbiner gewirkt hatten, bevor die Nazi dieser Tradition ein jähes Ende bereitet haben und er selbst deshalb seine rabbinische Laufbahn in Amerika absolvieren musste.

"Als wir 1939 auswanderten, dachten wir nie, dass wieder jüdisches Leben entstehen würde. Mit Gottes Hilfe kam es doch dazu " so Jacob. Dann legte der deutschstämmig Geistliche den drei Kandidaten bei der Ordination die Hände auf und sprach den Segensspruch: "Lehre, lehre, lehre und entscheide alles Gute für Israel und die ganze Menschheit."

„Diese erste Ordination von Rabbinern nach 1942 ist ein wichtiger Schritt zu einem normalen jüdischen Leben in Deutschland", sagte Präsidiumsmitglied Nathan Kalmanowicz. Sie markiere einen weiteren Meilenstein auf diesem Weg, auch wenn es noch Generationen dauern werde, bis sich das jüdische Leben wirklich normalisiert habe. Auch Zentralrats-Vize Dieter Graumann warnt bei aller Freude „die fast an ein Wunder grenzt" vor zuviel Euphorie: „Drei neue Rabbiner machen noch lange keinen jüdischen Sommer. Gebraucht werden dreimal dreißig oder vierzig, vor allem auch orthodoxe und konservative Rabbiner."

Die drei neuen Rabbiner - Daniel Alter, der Tscheche Tomás Kucera und der Südafrikaner Malcolm Mattitiani – sollten nur die Vorhut sein für alle jene Rabbiner, die hoffentlich in den kommenden Jahren noch kommen, wünschte sich der Augsburger Rabbiner Henry Brandt von der Allgemeinen deutschen Rabbinerkonferenz.

«Es ist ein Meilenstein, ein ganz starkes bewegendes Zeichen für jüdisches Leben in Deutschland», sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) nach dem bewegenden Gottesdienst. «Nach über 60 Jahren bedeutet es für das Gemeindeleben so etwas wie einen Aufbruch.» Die Ausbildung der nächsten Generation von Seelsorgern sei das Herzstück jeder Religion. «Es blüht neues Leben.» Der Tag erinnere an die lange tiefe jüdisch-christliche Tradition. Neben der Ministerin nahmen die Ministerpräsidenten von Sachsen und Brandenburg, Georg Milbradt (CDU) und Matthias Platzeck (SPD), an der Zeremonie teil.

Sachsens Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl sprach von einem „Tag des Sieges.» Die Nazis hätten die Ausrottung der Juden nicht geschafft, Neonazis könnten den Neubeginn jüdischen Lebens in Deutschland nicht verhindern. zu/kna