6. Jahrgang Nr. 9 / 22. September 2006 - 29. Elul 5766

Erinnerung an 14 mutige Anfänger

In einer Feierstunde wurde an den 50. Jahrestag der Grundsteinlegung für die neue Trierer Synagoge erinnert

Von Swetlana Rafalkes

Das Gemeindebüro ist im Keller der neuen Trierer Synagoge, mitten im Raum steht ein üppiger Blumenstrauß, der den Grundstein, der vor 50 Jahren am 26. August 1956 gelegt wurde, schmückt. In einer feierlichen Zeremonie wurde jetzt daran erinnert, wie 14 Juden aus Trier, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ihre Heimatstadt zurückgekommen waren, aus den Trümmern der alten Synagoge am Zuckerberg diesen Grundstein legten.

Von ehemals 796 jüdischen Einwohnern, die 1933 in Trier lebten, überlebten nur diese vierzehn den Holocaust. Sie kamen zurück - und sie fanden nichts. Trier lag in Trümmern. Als Willkommensgruss der Stadt bekam damals jeder von ihnen 100 Reichsmark und 10 Flaschen Wein. Die mutigen Rückkehrer fanden in Trier kein jüdisches Leben - die jüdische Gemeinde existierte nicht mehr, die alte während der Pogromnacht 1938 geplünderte und demolierte Synagoge am Zuckerberg wurde 1944 von Bombeneinschlägen völlig zerstört. Nur eine Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten und zwei von 25 Thorarollen konnten glücklicherweise gerettet werden.

Unter den Rückkehrern war auch der damals 23-jährige Heinz Kahn, der heute Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Koblenz ist. 1946 war Kahn entscheidend an der Gründung der jüdischen Gemeinde beteiligt. So koordinierte er die Lebensmittelverteilung an die Juden und sorgte dafür, dass die Beter einen eigenen Raum bekamen. Von Anfang an war es der größte Wunsch der Gemeindemitglieder, eine neue Synagoge zu errichten. Die Reste des Altbaus wurden 1956 abgerissen. An sie erinnert nur noch ein Denkmal. Das neue Gotteshaus entstand schließlich an der Kaiserstraße.

Die architektonischen Details der 1957 fertig gestellten Synagoge – die unmittelbar unter der Decke angebrachten Fenstern des Gebetsaals, Gitter vor den Fenstern im Untergeschoss – machen deutlich, wie viel Angst die Schoa-Überlebenden damals hatten. Während der Pogromnacht waren die Fenster der alten Synagoge von SS-Soldaten mit Brandsätzen zerstört worden.

Mit der Grundsteinlegung nach dem Krieg setzte die neue jüdische Gemeinde ein Zeichen für die unsterbliche jüdische Tradition und den Glauben „an das Gute im Menschen". Diese Worte von Anne Franks zitierte der Trierer Oberbürgermeister Helmut Schröder in seiner Rede nach dem festlichen Gottesdienst zum 50. Jahrestag der Grundsteinlegung. „Die Legung eines Grundsteins zum Bau eines Gebäudes ist meist das freudigste Ereignis neben der Einweihung. Hier ist die Grundsteinlegung mit einem tränenden und einem lächelnden Auge zu betrachten", sagte der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Trier, Benz Botmann, in seiner Festrede, „d amals war es keine Selbstverständlichkeit, dass eine neue Synagoge errichtet wurde. Dahinter steht nicht nur Initiative und Mut der wenigen gebliebenen Trierer Juden, sondern auch des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Raskin."

Bis Anfang der Neunziger Jahre gab es in Trier nur ca. 60 Gemeindemitglieder. Seit der Zuwanderung von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist die Zahl inzwischen auf 470 Mitglieder gestiegen. In den letzten 15 Jahren entstanden in der Gemeinde ein Jugendzentrum, ein Seniorenklub und eine Frauengruppe. Außerdem finden regelmäßige Gottesdienste und Religionsunterricht statt.

So trugen die wenigen Schoa-Überlebenden durch den Bau der neuen Synagoge in Trier dazu bei, dass das jüdische Leben und die jüdische Tradition, die von den Nazis vernichtet wurde, wieder aufblühen konnte. Und sie taten dies nicht nur in ihrem eigenen Namen, sondern auch im Namen aller Juden, die den Holocaust nicht überlebt haben.