6. Jahrgang Nr. 9 / 22. September 2006 - 29. Elul 5766

Von Umkehr und Reue

Gedanken von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart zu Rasch Haschana 5767 am 1. Tischri

Rosch Haschana, der Name des Festes bedeutet „Haupt des Jahres", den Beginn des jüdischen Kalenderjahres. Das Fest dauert sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Heiligen Landes zwei Tage. Der Inhalt dieser Festtage ist der Mitmenschlichkeit gewidmet. Die Umkehr und die Reue der eigenen Missetaten stehen im Mittelpunkt dieser ernsten Tage.

Die weisen, alten Meister unseres Volkes wussten genau, dass sehr oft menschliche Trägheit und Faulheit der Teschuwa, der Umkehr, im Wege stehen, deshalb bemühten sie sich, jedem von uns auf eine schlichte Art zu erläutern, wie man sich dazu durchdringen kann. Dem rationalen Gelehrten Rambam (Maimonides), war es unerträglich die „reumütige Umkehr" als eines der g-ttlichen Gebote, als „Umkehr auf G-ttes Befehl" zu sehen. Er betonte, dass man den Menschen daran erkennen sollte, dass er seine Fehler und Verfehlungen vor G-tt bekennt und dann zur Umkehr bereit ist.

Die Meister der Lehre wollten die Teschuwa, an der Schwelle eines neuen Jahres, eben nicht als eine auferlegte Pflichterfüllung wissen, wie z.B. die Gebote des Schabbat, der Kaschrut oder sogar der Nächstenliebe. Sie wollten zum Ausdruck bringen, dass die Teschuwa alle Bereiche des Lebens umfaßt. In den „Pirke Awot", den Lehrensammlungen unserer Weisen, werden wir ermahnt: „Kehre einen Tag vor deinem Tode um." (2:10) Da aber niemand seinen Todestag im Voraus kennt, solle man sich zeitlebens im möglichen Zustand der Umkehr befinden.

Rosch Haschana bestärkt in uns das Bewusstsein, dass nur sehr wenige unter uns dazu imstande sind. Denjenigen, der sich in seinem Alltag zu jederzeit in diesen Zustand emporarbeiten konnte, nannten die Weisen „Baal Teschuwa". Der Begriff beschreibt einen Menschen, der die Bereitschaft entwickelt, seine Fehler zu bereuen und einen neuen Weg einzuschlagen. Dieser ist aber noch kein „Heiliger", kein Zaddik - Gerechter- sondern vielleicht eher ein Chassid, ein Frommer.

Unzählige Geschlechter unserer Ahnen erkannten in folgender menschlichen Haltung die Verwirklichung der Lehre des Meisters Rambam: „Da jeder Mensch über sich selbst bestimmt" (wir würden heute sagen, jeder frei entscheiden kann) „bemühe sich der Mensch Teschuwa zu tun, um sich seiner Verfehlungen zu entledigen." ( Mischne Tora, Hilchot Teschuwa 7:1)

Das Gebot der Tora schreibt uns für die Tage des Neujahrsfestes vor, das Schofar - das Widderhorn - zu blasen. Der Prophet Amos bezeichnete die Töne des Schofar als furchterregend. Diese Furcht treibt jedoch die Israeliten zur Reue ihrem G-tt gegenüber und zur Vergebung ihrer Nächsten. In der großen volkstümlichen Bewegung der Chassidim, im Osten Europas, entwickelten die Rabbiner zahlreiche Interpretationen für das Schofarblasen.

Ihr Ausgangspunkt war eine Aussage des Psalmdichters König David (Psalmen: 89:16), der sinngebend verkündete: „Selig ist das Volk, das den Schofarton versteht, O Herr, im Lichte Deines Angesichts wandeln sie."

Die Rosch-Haschana- Tage gelten für uns als die Gerichtstage des Herrn über uns. Unsere Handlungen des vergangenen Jahres werden „geprüft" und über unsere Zukunft wird entschieden. Die Gleichnisse der Chassidim haben diese „Gerichtsverhandlungen" mit leicht nachvollziehbaren, irdischen Motiven und Elementen ausgestattet. Eine Gerichtsverhandlung auf Erden benötigt einen Ankläger und einen Verteidiger. Die „Rolle" des allmächtigen Richters wird naturgemäß G-tt übertragen. Der „Ankläger" erscheint - entsprechend der ursprünglichen Bedeutung dieses hebräischen Wortes - im Bilde des Satan. Dieser pflegt die Israeliten vor dem Stuhl des Richters anzugreifen: Sie hielten den Schabbat nicht ein, verletzten die ethischen Verhaltensgebote des Herrn. Die Verteidigung - die Boten G-ttes -bemühen sich, die Anklagen zu widerlegen und zu entkräften. Jedoch müssen manche harten Fakten des „Anklägers" sie in Verzweiflung treiben. Manchmal nützen auch leider keine mildernden Umstände. Daher meint der Volksglaube, dass das Schofarblasen auch den Sinn haben könnte, den „Satan" - den Ankläger - zu verwirren, damit er seine Unheil bringenden Anklagen nicht zu Ende bringen könne. Raschi, der volkstümliche Kommentator, fügte noch hinzu: Man muss mit den 100 Schofartönen dem „Ankläger" zeigen, wie eifrig wir den Geboten der Tora nachkommen wollen, damit er einsieht, dass er gegen uns Menschen aus Fleisch und Blut, keine harten Klagen geltend machen kann. Und wir alle hoffen, dass es so geschehen wird.

Allen unseren verehrten Leserinnen und Lesern wünschen wir „Schana Towa umetuka", ein gutes, gesundes und vor allem friedliches Jahr, in dem auch die irdischen, so oft verleumderischen Ankläger des jüdischen Landes verstummen mögen.