6. Jahrgang Nr. 9 / 22. September 2006 - 29. Elul 5766

Trauer, Leid aber auch Hoffnung - das war 5766

Grußwort zu Rosh Hashana 5767 von Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch

Ereignisse, die im zurückliegenden Jahr wichtig waren: Gemeinsam mit der Bundesregierung hat der Zentralrat der Juden die Zuwanderung neu geregelt, der Tod von Präsident Paul Spiegel am 30. April war ein großer Schock für die Juden in Deutschland, am 7. J
Ereignisse, die im zurückliegenden Jahr wichtig waren: Gemeinsam mit der Bundesregierung hat der Zentralrat der Juden die Zuwanderung neu geregelt, der Tod von Präsident Paul Spiegel am 30. April war ein großer Schock für die Juden in Deutschland, am 7. J


Anlässlich des bevorstehenden Jahreswechsels möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen Allen ein gutes und friedliches neues Jahr 5767 zu wünschen.

Das vergangene Jahr war vor allem für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, aber auch weltweit gespickt mit unzähligen – überwiegend traurigen - Ereignissen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mit ihnen gemeinsam noch einmal auf einige bedeutende Geschehen blicken:

Am 30. April verstarb - plötzlich und unerwartet - mein Vorgänger im Amt, der langjährige Präsident des Zentralrates, Dr. h.c. Paul Spiegel sel.A. Bis heute hat die jüdische Gemeinschaft den schmerzlichen Verlust, der ein tiefes Loch in die Herzen der Juden in Deutschland gerissen hat, längst nicht überwunden - dieser wird noch lange zu spüren sein. Die Beerdigung und Trauerfeier in Anwesendheit von Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel setzten ein eindrucksvolles Zeichen für die Persönlichkeit Paul Spiegels und für die Bedeutung des Zentralrats der Juden in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit. Alle Mitglieder des Präsidiums, mich eingeschlossen, werden versuchen, seinen eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Die kriegsähnliche Krise im Nahes Osten, die im Sommer dieses Jahres im Norden Israels und im Süden des Libanon tobte, bedrückt nicht nur die Juden in Deutschland nachhaltig. Die Hoffnungen auf einen baldigen Frieden für Israel, die vor gut einem Jahr im Anschluss an den Rückzug aus dem Gazastreifen wach wurden, haben sich nicht erfüllt - vielmehr sind sie nach diesen kriegerischen Wochen in weite Ferne gerückt. Der Dauerbeschuss mit Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen durch die Terrororganisation Hamas und mit Raketen der Hisbollah aus dem Libanon sowie die Entführung israelischer Soldaten haben alle zarten Friedensbemühungen zunichte gemacht. Die Verbindung der Hisbollah zum Iran sind eindeutig, zumal Irans Machthaber im vergangenen Jahr immer wieder lautstark verkündete, dass eines seiner zentralren politischen Ziele die Vernichtung des Staates Israel sei. Wir alle sind aufgerufen, uns diesem gefährlichen Staatsterror entgegen zu stellen.

Holocaust-Leugner, Antisemiten und Rassisten gibt es leider nach wie vor in Deutschland: In Potsdam wurde im April ein Deutsch-Äthiopier aufgrund seiner Hautfarbe fast tot geschlagen; im sächsisch-anhaltinischen Pretzien wurde im Juni das Tagebuch der Anne Frank verbrannt, angeblich kannten selbst die herbeigerufenen Polizisten den Titel des Buches nicht! Das zeigt deutlich, dass die Erinnerungskultur und die Holocaust-Erziehung in Deutschland auf den Prüfstand müssen, da die Rechtsradikalen gerade unter Jugendlichen nach wie vor einen erheblichen Zulauf haben.

Aber wir sollten uns auch der positiven Ereignisse erinnern: Im November beschloss die Ratsversammlung erstmalig, drei Landesverbände der Union progressiver Juden in den Zentralrat der Juden aufzunehmen, und im März gab es das erste offizielle Gespräch zwischen deutschen Rabbinern und dem Vatikan. Ein weiterer wichtiger Schritt im christlich-jüdischen Dialog.

Dann ein positiver Höhepunkt im vergangenen Sommer – die überaus erfolgreiche Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Obwohl das deutsche Team das Finale knapp verpasst hat, war das vierwöchige Turnier geprägt von ausgelassener Feierlaune und einem gesunden friedlichen Patriotismus, der weit über unsere Grenzen hinaus zu spüren war.

5766 endete nicht zuletzt mit einem ganz besonderen historischen Ereignis: In Dresden wurden zum ersten Mal nach der Shoah Rabbiner ordiniert. Drei Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs erhielten im Rahmen einer gemeinsamen Feierstunde des Zentralrats der Juden, der Jüdischen Gemeinde Dresden und der Union Progressiver Juden ihre Smicha. Ich halte das für ein hoffnungsvolle Entwicklung für die Zukunft. Wir brauchen gute Rabbiner und Lehrer im Interesse unserer erfreulicherweise stetig wachsenden jüdischen Gemeinschaft.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Le-Shana tova!

Ihre
Charlotte Knobloch
Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland

Zukunft 6. Jahrgang Nr. 9
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