4. Jahrgang Nr. 5 / 19. Mai 2004 - 28. Ijar 5764

Von gebrochenen Achsen, Türmen und strengen Linien

Das jüdische Museum Amsterdam wirft mit der Ausstellung „Yibaneh!“ einen Blick auf eine neue Architektur für jüdische Institutionen in Europa, Israel und den USA

Eine spezifisch „jüdische Architektur“ gibt es nicht. Und das ist auch gut so - denn gerade die Vielfalt macht das Thema „Neue Architektur für jüdische Institutionen“ interessant. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs sind in Deutschland die jüdischen Gemeinden und mit ihnen der Baubedarf rasant gewachsen. So geben Jüdische Gemeinden heute nicht selten bahnbrechende Werke in Auftrag. Dieser „Trend zur Ausdruckskraft“ begann spätestens mit Daniel Libeskinds Jüdischem Museum in Berlin. Keinem anderen Architekten war es vor ihm gelungen, eine so expressive, sinnliche und gleichzeitig populäre Architektursprache zur Dokumentation der deutsch-jüdischen Geschichte zu finden – die vielfach gebrochenen Linien des Kreuzberger Museum stehen für die verschütteten jüdischen Spuren in der Stadt.

Das Jüdische Geschichtsmuseum in Amsterdam hat nun einen ersten internationalen Überblick über die „Architektur für jüdische Institutionen“ zusammengestellt. Die Amsterdamer Ausstellung „Yibaneh!” (Hebräisch für: es wird gebaut) präsentiert eine Auswahl von 16 Synagogen, Museen und Schulen. Die außergewöhnlichen Bauten sollen nach Meinung der Kuratoren Zeugnis einer wachsenden „jüdischen Identität durch innovative Formen“ sein. Die 13 realisierten und drei geplanten Gebäude in Europa, Israel und den USA, die zu sehen sind, zeugen vom Vertrauen in die zeitgenössische Architektur. Anhand von anschaulichen Modellen, Zeichnungen und Fotos wird die Bandbreite der Arbeiten vorgestellt: Die monolithische, burg-artige Synagoge des Tessiner Architekten Mario Botta mit ihren Doppeltürmen auf dem Campus der Universität Tel Aviv etwa steht der völlig zerklüfteten Heinz-Galinski-Schule in Berlin (von dem in Berlin lebenden Israeli Zvi Hecker) gegenüber. Ein anderes Gegensatzpaar sind die strenge, einfache Schule, die Adolf Krischanitz in Wien gebaut hat und das erwartungsgemäß vor Formenfreude platzende geplante „Museum für Toleranz“ am Rande der Jerusalemer Altstadt von Frank O. Gehry.

Der Kunsthistoriker Bruno Zevi hatte die These aufgestellt, dass das expressiv-bewegte und dynamisch-anti-klassische Raumempfinden, wie es die Architektur von Erich Mendelsohn über Peter Eisenman bis Frank O. Gehry prägt, ein Charakteristikum jüdischer Architektur sei. Die Ausstellung beweist, dass diese These nicht haltbar ist. Denn ausgerechnet der moderne Synagogenbau ist beispielsweise stärker von nicht-jüdischen Architekten geprägt als von jüdischen. Vor allem nichtjüdische Architekten - von Frank Lloyd Wright über Philip Johnson bis Minoru Yamasaki - haben der jüdischen Sakralarchitektur in den USA mit ihren Gotteshäusern wichtige neue Impulse gegeben.

Bis zum 29. August wird „Yibaneh!” im „Joods Historisch Museum“ in Amsterdam (Jonas Daniël Meijerplein 2-4, täglich 11-17 Uhr , Eintritt 3 Euro) gezeigt. Die Ausstellung wird anschließend in Osnabrück, Warschau, Berlin, Wien, München und London zu sehen sein.

mey

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 16/22.4.2004