4. Jahrgang Nr. 5 / 19. Mai 2004 - 28. Ijar 5764

„Jobbörse“ für Mediziner

Ärzteverband in NRW kümmert sich um Zuwanderer

Von Holger Elfes

Ist Viagra eigentlich koscher? Mit dieser und ähnlichen interessanten Fragen befasst sich der nordrhein-westfälische Landesverband Jüdischer Mediziner. Rund 160 Ärzte, Zahnärzte, Psychologen und Apotheker jüdischen Glaubens sind in dem vor vier Jahren gegründeten Verein organisiert. "Wir sehen uns unter anderem als Stellenbörse für jüdische Ärzte, vor allem für die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion", erläutert Verbandsgründer und Vorsitzender Dr. Simon Reich aus Köln die Aufgaben.

Vor allem für jüdische Ärzte aus den russischsprachigen Ländern wird es zunehmend schwieriger, in Nordrhein-Westfalen wie auch in anderen Bundesländern einen adäquaten Job zu finden. "Die Gesetzeslage hat sich zum Nachteil verändert", so Herbert Baumann. Der Bonner Ärzteberater unterstützt seit Jahren die jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die rechtlich schlechter gestellt sind als beispielsweise ihre russlanddeutschen Berufskollegen. Darüber hinaus ist es nach einer Gesetzesnovelle 2002 für Mediziner, die nicht in Deutschland studiert haben, schwieriger geworden, die Approbation zu bekommen. Allen Medizinern, die sich diskriminiert fühlen, rät er, sich eingehend zu informieren. Eine rechtliche Beratung durch den Landesverband ist zwar nur für Verbandsmitglieder möglich, dennoch appelliert er, Bescheide der Regierungspräsidien an den NRW-Verband zur Auswertung zu schicken.

Hier stellt sich die Frage, ob man sich nicht zu einem Bundesverband mit mehr Schlagkraft zusammenschließen sollte? "Das wäre nur ein Politikum und hat für mich keine Priorität", findet Simon Reich. Wichtiger sei es, vor Ort zu agieren. Aber selbst daran scheitert häufig. In Frankfurt, München und Stuttgart hätte es zwar ansatzweise Aktivitäten gegeben, aber lediglich in Berlin gäbe es einen funktionierenden Verband.

Dort beschäftigt sich die 1988 gegründete Organisation jüdischer Ärzte und Psychologen u.a. mit der Aufarbeitung der Geschichte. Im Jahr 2002 gab es ein in der Öffentlichkeit viel beachtetes Projekt zur Erforschung der Rolle der kassenärztlichen Vereinigung während der Zeit des Nationalsozialismus: Immerhin waren in Berlin 1933 fast fünfzig Prozent der Ärzte Juden.

Außer der Zuwandererhilfe organisiert der Landesverband NRW Treffen und Vorträge zu Themen von besonderem Interesse für jüdische Mediziner. Ein Angebot, das bisher gefehlt hat. "Ich bin selber überrascht, dass doch jedes Mal fast alle unsere Mitglieder kommen", freut sich Simon Reich über den regen Zuspruch zu den viermal im Jahr stattfindenden Treffen mit Vorträgen und Brunch.

"Medizin und Halacha" oder der umstrittene "Import embryonaler Stammzellen aus Israel" sind Themen, über die dann gesprochen wird. Aber auch "Jüdische Ärztewitze" sorgten in der Vergangenheit für ein mehr unterhaltsames als informatives Treffen. Krankheitsbilder, die verstärkt in jüdischen Bevölkerungskreisen vorkommen - wie etwa Brustkrebs oder die Stoffwechselstörung Morbus Goucher -sind bei solchen Treffen Diskussionsthemen. Ach ja, und natürlich auch die wirklich bewegende Frage, ob Viagra nun koscher ist oder nicht. "Im Prinzip schon", antwortet Simon Reich trotz einer mitunter kontrovers geführten Diskussion beruhigend.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 16/22.4.2004