6. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2006 - 1. Elul 5766

"Ich kann helfen, weil ich einer von Ihnen bin"

Rabbiner im Portrait: Ariel Lototzki betreut die Jüdische Gemeinde in Lübeck

Johannes Boie

„Entschuldigung", sagt der Rabbi in sehr gutem Deutsch, „könnten wir Englisch sprechen, mein Deutsch ist noch nicht so gut." Ariel Lototzki, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein und Rabbiner aus Lübeck, ist ein Perfektionist und gleichzeitig ein hartes Arbeitstier. Der eine Charakterzug bedingt den anderen, denn bis eine Sache perfekt ist, muss auch einer wie der 40-jährige Lototzki hart arbeiten. Und dabei hilft ihm nicht nur seine Religion, die er jahrelang in Jerusalem studiert hat. Lototzki ist auch durch eine harte Schule des Lebens gegangen. In seiner Heimat, der ukrainischen Stadt Mariupol gab es kaum Holocaustüberlebende. Einzig Lototzkis Großmutter. Sie konnte von besseren Zeiten für Juden in Russland berichten.

Seine Jugend ist vom Kalten Krieg und Antisemitismus geprägt. „An der Uni war die so genannte ‚Juden-Quote' bereits voll, da durfte ich nicht sofort nach der Schule studieren", erinnert er sich. In seiner Familie gab man sich Mühe, die jüdische Religion weiter zu pflegen, obwohl es im kommunistischen Mariupol keine Synagogen mehr gab.

Nach zwei Jahren harter Arbeit in der Metallindustrie, bekommt Lototzki schließlich einen Studienplatz. Doch nachdem er öffentlich das System kritisiert hat, wird der junge Geschichts-Student zwangsweise in eine Arbeitseinheit der Armee gesteckt, zusammen mit Kriminellen und Dissidenten. „Und dort ist es plötzlich passiert: Ich habe gebetet und plötzlich entdeckte ich mich selbst, meine eigene Identität. Mir wurde klar, dass ich mein ganzes Leben ändern musste."

Die Entscheidung, ein religiöses Leben zu führen, bedeutete zunächst, dass Lototzki 1995 mit seiner Frau aus der Ukraine auswandert – nach Israel. In Jerusalem besuchte er vormittags Religionsschulen, während er mittags und abends arbeitete. Im heiligen lässt sich das in Kiew staatlich getraute Paar ganz nach jüdischer Tradition unter der Chuppa trauen. Über Umwege ist Familie Lototzki schließlich in diesem Jahr nach Deutschland gekommen.

Die vielen Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind für ihn die spannendste Herausforderung, die ihm Deutschland bietet: „Ich kann diesen Menschen helfen, weil ich ihre Sprache spreche, ihren Humor habe – weil ich einer von ihnen bin." Ganz wichtig findet der Rabbi, dass man nicht zu viel von den Zuwanderern verlangt: „Integration, egal ob in die Religion oder in die Gesellschaft, muss schrittweise verlaufen." Wer nicht gleich in die Synagoge gehen will, aber Kontakt mit dem Rabbiner aufnehmen möchte, der wird von Lototzki zu Hause besucht – gegenseitiges Vertrauen ist für den orthodoxen Geistlichen die Grundlage jeder Art von Integration.

Lototzki hat Verständnis für das Misstrauen der Zuwanderer. „Die Menschen haben jahrelang im Kommunismus gelebt, die haben keine Lust auf Autoritäten." Deshalb zeigt der Vater zweier Kinder seinen Gemeindemitgliedern immer wieder, dass er einfach nur helfen möchte – und zwar nicht nur bei religiösen Fragen und Problemen. „Manche nennen mich ein wandelndes Windows-Hilfe-Center", lacht er. „Computer sind nämlich mein Hobby."