6. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2006 - 1. Elul 5766

„Die hören mir ja alle zu

Zum ersten Mal seit 1942 werden im September Deutschland Rabbiner ordiniert – Große Festveranstaltung in Dresden geplant

Von Gerald Beyrodt

Der eine war Koch, der andere Lehrer, der dritte Biochemiker – und in wenigen Tagen sind alle drei Rabbiner. In der Neuen Synagoge in Dresden werden sie feierlich ordiniert. Nach über sechzig Jahren sind sie die ersten Rabbiner, die im Land der Schoa ausgebildet und ordiniert werden. Bislang hatten Rabbiner-Kandidaten keine Möglichkeit, in Deutschland eine Ausbildung zu machen, Interessenten wurden im Ausland ausgebildet, viele mussten die deutsche Sprache erst mühsam lernen, wenige sind in Deutschland geboren. Ist die Ordination in Dresden mithin ein historisches Ereignis, ein Wendepunkt? Ein Zeichen, dass Juden in Deutschland wieder präsenter sind?

Tom Kucera, der das Rabbinat der Münchner liberalen Gemeinde Beth Schalom in München übernehmen wird, sind solche Fragen zu groß. „Erst einmal bin ich damit beschäftigt, dass ich Rabbiner werde. Das finde ich im Moment erstaunlich genug", sagt der 36-jährige Tscheche. „Mit der historischen Dimension werde ich mich wohl erst in ein paar Jahren beschäftigen", fügt der künftige Rabbiner hinzu.

Daniel Alter, der die jüdische Gemeinde in Oldenburg betreuen wird, reagiert fast abwehrend auf die Frage, wie es ist, einer der ersten in Deutschland ausgebildeten und ordinierten Rabbiner seit über sechs Jahrzehnten zu sein. „Mir wäre es lieber, wenn jedes Jahr hundert Rabbiner ordiniert worden wären", sagt Alter. „Es wäre natürlich schöner, wenn die Menschen nicht ermordet worden und die jüdische Lebenswelt nicht zerstört worden wären." Außerdem findet Alter, dass er weitaus mehr öffentliches Interesse bekommt, als das etwa bei einem Rabbiner-Absolventen in Großbritannien der Fall wäre.

Der dritte im Bunde ist Malcolm Mattitiani. Der Mittdreißiger aus Südafrika wird das Rabbinat in Kapstadt übernehmen. Er spricht von „einem nachträglichen Sieg über die Nazis, denn wir sind immer noch da". „Sehr spannend und historisch" findet Mattitiani außerdem den Umstand, dass er in dem Land ordiniert wird, in dem einst die jüdische Reformbewegung ihren Ausgang nahm. Alle drei Rabbiner haben am Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg studiert, das die Tradition der jüdischen Reformbewegung in Deutschland wieder aufnehmen möchte und sich „liberal" oder „progressiv" nennt.

Ohne die Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg wäre es für Malcolm Mattitiani schwer geworden, Rabbiner zu werden. Denn ein Studium an den liberalen Ausbildungsstätten in England oder in den USA wäre für einen Südafrikaner schlicht zu teuer geworden. So stammen denn auch die meisten Reformrabbiner in Südafrika aus Amerika und Großbritannien. „Bei meiner Arbeit höre ich häufig, wie schön es ist, mit einem Rabbiner zu sprechen, der das Land kennt", sagt Mattitiani, der schon seit sechs Jahren auf einer Rabbinerstelle arbeitet, aber jetzt erst offiziell ordiniert wird. Am Judentum gefällt dem Mann mit dem Bart und den schulterlangen dunklen Haaren besonders die Sinnenfreude und das praktische Handeln. „Gott hat uns mit Körper und Seele geschaffen", sagt Mattitiani und schwärmt von den jüdischen Festen, bei denen es häufig etwas zu hören, zu schmecken und zu fühlen gibt: vom Neujahrsfest Rosch ha-Schana, an dem ein Widderhorn geblasen wird, vom Laubhüttenfest mit Palmzweig, Myrte und Weihrauch, und vom wöchentlichen Schabat. „Beim Schabatmahl feiern wir auch die Freude am Essen", sagt Mattitiani. Dieser Freude geht er schon sehr lange nach: Vor seiner Arbeit für die jüdische Gemeinde war er als Koch im Hotelgewerbe tätig.

Judentum und Naturwissenschaftne sind zwei wichtige Themen im Leben des Tom Kucera. Bevor er sich entschloss, Rabbiner zu werden, forschte der promovierte Biochemiker an der amerikanischen Vanderbilt University in Nashville, Tennessee. „Aber ich habe gemerkt, dass ich kein Amerikaner bin und dass Amerika nicht das Land war, in dem ich bleiben wollte", sagt Kucera. Außerdem dachte er an die Situation in seinem Heimatland Tschechien, wo Rabbiner dringend benötigt werden. Dann ging Kucera zwei Jahre auf eine modern-orthodoxe Talmudschule in Jerusalem, eine so genannte Jeschiwa, und besuchte danach das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam. Naturwissenschaftliche Artikel liest er immer noch. „Ich kann nicht sagen, dass ich die Naturwissenschaft verlassen habe", findet Kucera. „Ich habe mein Leben einfach erweitert und bin sehr zufrieden damit." In seiner künftigen Gemeinde ist Kucera die Jugendarbeit besonders wichtig: Nach ihrer Bar oder Bat Mitzwah müssten die Jugendlichen weiterhin jüdische Bildung bekommen.

Daniel Alter hat vor seiner Ausbildung zum Rabbiner als Lehrer an einer jüdischen Schule gearbeitet. Schon häufiger spielte er mit dem Gedanken, Rabbiner zu werden, aber der in Frankfurt aufgewachsene Mann scheute sich, ins Ausland zu gehen. Als das Abraham-Geiger-Kolleg öffnete, setzte er den Gedanken in die Tat um. Erfahrungen mit seiner Oldenburger Gemeinde hat er schon während des Rabbinerstudiums gesammelt. Besonders schön findet er es, gemeinsam mit einer Gemeinde zu wachsen. Bei seiner ersten Drascha, einer Textauslegung vor der Gemeinde, stellte er erstaunt fest: „Die hören mir ja alle zu." Mit etwas umzugehen, was alle beschäftigt, das sei schon eine „tolle Erfahrung".