6. Jahrgang Nr. 8 / 25. August 2006 - 1. Elul 5766

Hilfe vor Ort

Wie den Betroffenen Menschen in Israel während des wochenlangen Raketenbeschusses geholfen wurde

Seit dem 14. August sollten im Nahen Osten die Waffen schweigen. Die UN-Resolution 1701 hat den Rückzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon, die Entwaffnung der Hisbollah, den Stopp der Waffenlieferungen an die Hisbollah-Miliz über Syrien sowie die Aufstockung einer UN-Truppe um 15 000 Soldaten festgeschrieben. Nichtsdestotrotz kommt es seither immer wieder zu einzelnen militärischen Auseinandersetzungen. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, hat sich dafür ausgesprochen, auch deutsche Soldaten im Rahmen des UN-Friedenskontingents im Libanon-Konflikt einzusetzen. «Ich kann mir vorstellen, dass man am Ende zu einem Kompromiss kommt und sagt: Deutsche Soldaten, ja, aber nicht im direkten Einsatz an der Front." Konkret schlug Korn vor, Bundeswehrsoldaten für die Bereiche Logistik, Versorgung und Organisation abzustellen. Präsidenten Charlotte Knobloch, hat ebenfalls eine Beteiligung der Bundeswehr an einer UN-Friedenstruppe begrüßt. «Deutschland und Israel sind befreundete Staaten, die durch lange und gute
diplomatische Beziehungen miteinander verbunden sind. Wenn Israel in der jetzigen Situation Hilfe braucht, sollten wir uns nicht verweigern." Über die Entsendung von Bundeswehrsoldaten wird der Deutsche Bundestag entscheiden. Auch wenn sich durch den Waffenstillstand die Situation für die betroffenen Menschen im Norden Israels zunächst etwas entspannt hat, haben die kriegerischen Auseinandersetzungen vor allem seelische Spuren bei den Israelis hinterlassen. Über die Unterstützung der Menschen durch jüdische Hilfsorganisationen lesen Sie hier einen Bericht von Elke Wittich.

Wie Rachel Singer von der zionistischen Frauenorganisation WIZO ging es in den fünf Kriegswochen sicherlich vielen Mitarbeitern der jüdischen Hilfsorganisationen. Sie saßen an den Telefonen, sammelten für die vom Hisbollah-Beschuss bedrohten Menschen in Nordisrael obwohl sie lieber selber vor Ort geholfen hätten. „Aber wir konnten ja so auch eine Menge bewirken", sagt die WIZO-Vorsitzende.

Unterbringung und Versorgung der 300.000 Evakuierten kostete natürlich eine Menge Geld. „Zusätzliches Geld", sagt Rachel Singer. „Die normalen Programme und damit eben auch die normalen Ausgaben liefen ja weiter."

Ähnlich erging es auch Keren Kayemeth LeIsrael, deren Hauptaufgabe in normalen Zeiten die Wiederaufforstung in Israel ist. Die Wälder in Nordisrael standen durch den Raketenbeschuss in Flammen. Eine halbe Million Bäume fielen den Flammen zum Opfer. Rund um die Uhr versuchten die Feuerwehrleute vor Ort, die Brände einzudämmen.

Als am 12. Juli der Angriff der Hisbollah- Milizen auf Israel begann, hielt der Nationalfonds in Jerusalem gerade seine Weltkonferenz ab. Die versammelten Vorstandsvertreter aus verschiedenen Ländern beschlossen spontan, Kinder aus dem Norden Israels in die eigenen Sommercamps in die KKL-JNF-Wälder einzuladen. Das umfangreiche Ferienprogramm sollte die Kinder vom Erlebten ablenken und ihnen helfen, die Angst zu vergessen.

Es waren aber nicht nur die Kinder, die dringend betreut werden mussten. „Wir wissen doch, wie unter den Anspannungen von verbalen, geschweige denn physischen Bedrohungen Menschen reagieren, deren seelisches Empfinden vom Schicksal in der Zeit des Nationalsozialismus geprägt ist", sagt Peter Fischer, Vorsitzender von Amcha Deutschland. Oft alleinstehend, krank und einsam brauchten die Betroffenen in dieser Situation ganz besonders Menschen, die ihnen zuhören, damit sie das Erlebte besser verarbeiten können. Mitarbeiter der Amcha-Zweigstelle Haifa haben ihnen dann zum Beispiel Lebensmittelpakete und dringend benötigte Medikamente gebracht.

„Die Telefone und Handys sind völlig überlastet", schilderte Nathan Kellermann von Amcha Israel die aktuelle Situation. „Diese Rettungsleine darf unter keinen Umständen gekappt werden", betonte Kellermann in seinem Appell.

Hilfe brauchten auch diejenigen, die eigentlich vorrangig damit beschäftigt sein sollten, sich in ihrer neuen Heimat Israel einzugewöhnen und die Ministerpräsident Ehud Olmert jüngst als „die grundlegende Waffe, die wir haben", bezeichnet hat. Zeev Bielski, der Vorsitzende der Jewish Agency, nennt sie die „jüdische Antwort auf die Hisbollah und die Hamas". Für die Neueinwanderer sei die derzeitige Situation doppelt schwierig gewesen, erklärte Nathan Gelbart, Vorsitzender von Keren Hayesod Deutschland. „Sie mussten nicht nur den Zivilisationswechsel verarbeiten, sondern auch mit den Raketeneinschlägen fertig werden.

„Natürlich hatte die Intensität der Angriffe durch die Hisbollah zunächst überrascht, aber man hat ja sehr bald die Richtung gesehen, die die Geschehnisse nehmen würden. Der Raketenbeschuss nahm zu, und es war schnell klar, dass etwas getan werden musste", sagt Nathan Gelbart. In Zusammenarbeit mit den Jugendämtern vor Ort stellten die Mitarbeiter von KH fest, welche Kinder Hilfe benötigten. Sie sollten sie in sicherer Umgebung das Erlebte so schnell wie möglich vergessen.

Ein Aspekt war Nathan Gelbart darüber hinaus noch sehr wichtig „weil er hierzulande in der Berichterstattung kaum vorgekommen ist: Es handelte sich bei dem, was geschehen ist, um einen Angriff auf Israel, von dem alle Israelis betroffen sind, egal, ob Juden, Moslems oder Christen, die Raketen der Hisbollah haben da keinen Unterschied gemacht." Allen Hilfsorganisationen sei daher eines gemein: „Unsere Angebote richten sich daher an alle Israelis, die Hilfe brauchen. Und entsprechend wurden und werden sie nach ihren religiösen, ethischen und sprachlichen Bedürfnissen betreut."

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 31 vom 3. August 2006