4. Jahrgang Nr. 5 / 19. Mai 2004 - 28. Ijar 5764

SCHAWUOT

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Die sieben Wochen – bzw. 49 Tage – nach dem zweiten Tag Pessach werden Schawuot genannt. In dieser Zeit wird das Getreide im Heiligen Land geerntet, es werden die ersten Früchte des Landes reif. Daher ist dieses Fest auch ein Chag Habikkurim, ein Fest der Erstlingsfrüchte, oder ein Chag Hakazir, ein Fest der Ernte. In der Tora kommen nur die Aspekte eines Naturfestes zum Vorschein. Für den Talmud, der nachbiblischen jüdischen Überlieferung, ist es selbstverständlich, dass dieses Fest - wie auch die Wallfahrtsfeste Pessach und Sukkot - eine heilsgeschichtliche Bedeutung hat: Es erinnert an die Offenbarung der Zehn Gebote der Tora. Während der turbulenten Jahrhunderte der jüdischen Geschichte wurden unsere Vorfahren aus unserem Land vertrieben. Die Flucht führten sie in fast alle Länder der Erde. Im Laufe der Zeit verblasste die Erinnerung an die Landwirtschaft des Heiligen Landes. Gleichzeitig wurden die ethisch-monotheistischen Inhalte vertieft, die vor allem von einem großen Erlebnis unserer Geschichte geprägt waren: die kollektive Übernahme der Zehn Gebote am Berg Sinai. Diese Übernahme verpflichtete die Ahnen, den Völkern die Lehren der Gebote zu verkünden.

Traditionell pflegt man Synagogen und Häuser mit frischem Laub zu schmücken, als Hinweis auf die naturverbundenen, klassischen Inhalte des Festes. Seit dem 14. Jahrhundert war es unter den frommen Juden üblich, dass man in der ersten Nacht von Schawuot wach blieb. Seit dem 17. Jahrhundert besitzt diese Nacht ein vorgeschriebenes „Programm“: Man hält Vorträge, kommentiert und erläutert Bibel- und Talmudpassagen.

In der Festliturgie wird Schawuot Zeman mattan Toratenu - „Fest der Übergabe unserer Tora“ genannt. Die Rabbiner des Chassidismus erklärten diesen Namen, wie folgt: Er weist darauf hin, dass die Übergabe der Tora vor etwa 3300 Jahren ein einmaliges, prägendes Ereignis war, dass man gedenken muss. Die An- oder Übernahme der Gebote der Tora ist individuell und betrifft jeden Einzelnen immer wieder aufs Neue. Rabbiner Mendele, der Kozker Zaddi aus dem 19. Jahrhundert, fügte noch hinzu: Die Übergabe der Tora betrifft alle Juden gleichermaßen - auch die, die damals noch nicht lebten und am Sinai nicht dabei waren. Bei der Übernahme der Tora kann von Einigkeit und Gleichheit keine Rede mehr sei: Jeder einzelne kann die Tora nur nach seiner persönlichen Zuneigung und Fähigkeit, seinen Gefühlen oder seinem Verstand übernehmen.