6. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2006 - 2. Aw 5766

Gedenken in Oslo und Warschau

Zwei weitere europäische Länder arbeiten ihre jüdische Geschichte in Museen und Forschungszentren auf

Von Ulf Meyer

Sechzig Jahre nach Kriegsende wird dem Gedenken an den Holocaust in Polen und Norwegen neue Studien- und Ausstellungszentren gewidmet: Am 24. August wird mit einem Konzert das neue „Holocaust-Zentrum" in Oslo eingeweiht. Das „ Zentrum für Holocauststudien und Religiöse Minderheiten" beschäftigt sich mit Forschung, Bildung und Information, Ausstellungen und Konferenzen. Es stellt die Geschichte der Judenverfolgung in Norwegen zum einen in den Kontext der europäischen Geschichte und des Anti-Semitismus, zum anderen erweitert es das Forschungsgebiet auf Studien zu Völkermord und Menschenrechtsverletzungen. Neben dem Blick zurück soll natürlich auch die Gegenwart der Minderheiten im immer multikultureller werdenden Norwegen beleuchtet werden.

Das "HL Senteret" genannte Institut leitet sich vom "H" für Holocaust und "L" für Livssyns-Minoriteter (Minderheiten) ab. Der Gründung vorausgegangen war ein jahrelanger Streit über die Wiedergutmachung für verlorenes jüdische Vermögen in Norwegen. Die Finanzierung stammt zum Teil vom Staat und zum anderen Teil von der jüdischen Gemeinde. Seinen Sitz hat das Zentrum in der "Villa Grande", die dem Nazi-Kollaborateur Vidkun Quisling einst als Residenz während des 2. Weltkriegs diente. Die Wahl fiel nicht rein zufällig auf das monumentale Gebäude, vielmehr hat sie einen stark symbolischen Charakter: Das einstige „Haus der Schande" soll künftig genau dem Gegenteil dienen.

Auch das neue Museum des polnischen Judentums, das 2009 in Warschau eröffnet wird, hat seinen Sitz an einem symbolischen Ort für Polen, Juden und Nicht-Juden: D as Museum steht am „Platz der Helden des Ghetto-Aufstands von 1943" im Warschauer Stadtzentrum, von dem aus einst Juden in Vernichtungslager deportiert wurden und an dem sich später, 1970, der damalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt mit seinem berühmten Kniefall zur Scham und Schuld einer ganzen Nation bekannte.

Im Unterschied zu anderen Holocaust-Museen weltweit soll das polnische Museum die Perspektive nicht auf den Völkermord an den polnischen Juden begrenzen. Gründungsdirektor Jerzy Halbersztadt will den Bogen über ein ganzes Jahrtausend jüdischer Geschichte in Polen spannen. Denn die 3,5 Millionen polnischen Juden machten das Land bis zum Zweiten Weltkrieg zum weltweit bedeutendsten Zentrum ihrer Kultur und Religion. Die Etappen führen von der Einwanderung im Hochmittelalter über das "Goldene Zeitalter", als Polen zur Heimat der verfolgten Juden aus Westeuropa wurde, bis zum Antisemitismus im 19. Jahrhundert.

Der Holocaust kommt in der Beschreibung des Überlebenskampfs der Warschauer Ghetto-Bewohner zur Sprache, aber der industriell organisierte Massenmord am jüdischen Volk ist nach Meinung von Halbersztadt "an den Originalschauplätzen wie Auschwitz angemessener darzustellen". Seine Perspektive reicht bis zur Diskriminierung der 150.000 Holocaust-Überlebenden im kommunistischen Nachkriegs-Polen und zur Rolle der polnisch-stämmigen Juden in Israel. Die 4000 Quadratmeter große Schau setzt didaktisch auf Multimedia und Installationen wie einer Rekonstruktion von Teilen historischer ponlischer Synagogen.

Für das Museum entsteht ein von dem finnischen Architekten-Duo Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma entworfener Neubau. Mit ihrem würfelförmigen Entwurf stachen sie beim Architekten-Wettbewerb 2005 sogar Daniel Libeskind aus. Ihr Plan nimmt auf die Wohnblöcke am Rande des Platzes aus den 60er Jahren Rücksicht. In die neue Museums-Box eingefügt haben sie einen wellenförmigen Durchgang, der auf das zurückweichende Rote Meer des biblischen Auszugs aus Ägypten verweist.

Die Initiative für das neue Museum hatte 1994 das Jüdisch Historische Institut Warschau, das den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog für seine Idee begeistern konnte. Ein Förderverein unter Herzogs Schirmherrschaft brachte rund eine Million Euro zur Anschubfinanzierung auf. Die Baukosten von 55 Millionen Euro tragen nun zur Hälfte die polnische Regierung und die Stadt Warschau, Privatspender aus Europa und den USA und deutsche Bundesregierung.

Informationen: www.jewishmuseum.org.pl, www.hlsenteret.no