4. Jahrgang Nr. 5 / 19. Mai 2004 - 28. Ijar 5764

Hansestadt gibt die Hoffnung nicht auf

Zehn Jahre nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Lübeck – ein Portrait

Von Irina Leytus

Lübeck ist eine freie Hansestadt mit langer bürgerlicher Tradition, Lübeck ist die Stadt von Thomas Mann und seinen Helden. Aber Lübeck ist auch die Stadt, in der zum ersten Mal seit der Kristallnacht auf deutschem Boden eine Synagoge brannte - vor zehn Jahren, am 24. April 1994.

Der Brandanschlag hat die Öffentlichkeit wachgerüttelt. Das Ereignis wurde von der Presse intensiv begleitet, war vor allem während der Gerichtsverhandlung gegen die vier Täter, die schon nach einem Monat gefasst worden waren, in der Öffentlichkeit allgegenwärtig. Heute ist es, wenn man die Lübecker Synagoge besucht, nicht mehr wirklich gegenwärtig aber dennoch keinesfalls vergessen. Das schöne alte Gotteshaus mit seinen zwei Flügeln, die ein Karree um den kleinen Vorgarten bilden, wirkt geradezu idyllisch. Gleichzeitig herrscht hier eine unglaubliche Lebendigkeit: In der Synagoge und dem Gemeindehaus treffen sich Menschen, die beten, mit einander speisen, lernen und ... viel lachen. In den letzten zehn Jahren ist die Gemeinde von 100 auf 800 Mitglieder angewachsen. Wird der Brandanschlag von der jüdischen Gemeinde ignoriert? Trotzt sie dem Erlebten?

Die meisten Lübecker Juden sind Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Der überwiegende Teil sind Senioren. „In Lübeck haben unsere Kinder keine beruflichen Chancen. Sie ziehen lieber nach Hamburg“, so Polina K, die allerdings das Leben in Lübeck liebt - die Stadt, die Nähe zum Ostseestrand.

Auch Claus Fink, der 52-jährige Richter hat eine Vision. Er ist Vorsitzender des Vereins „Jüdische Gemeinde Lübeck e.V“, der vor zweieinhalb Jahren mit dem Ziel gegründet wurde, in Lübeck wieder eine selbstständige jüdische Gemeinde zu etablieren: „Als es in den Sechziger Jahren in den Gemeinden von Schleswig-Holstein nur noch wenige Mitglieder gab, nämlich nur 60 Menschen, bat man die jüdische Gemeinde Hamburg, die Verwaltung für die Gemeinden des benachbarten Landes zu übernehmen. Jetzt, nachdem die jüdischen Gemeinschaften in Lübeck und Kiel stark gewachsen sind, hat es keinen Sinn, dass sie lediglich als Filialen, ja ,Kolonien’, von Hamburg aus geführt werden. Übrigens, nach dem Verteilungsschlüssel für Kontingentflüchtlinge „erhielt“ Lübeck mit seinen lediglich 200.000 Einwohnern verhältnismäßig viele Menschen, weil hier eine schöne alte Synagoge erhalten war und mit neuem Leben gefüllt werden konnte und sollte“.

Die Rechnung ging auf. Ob aufgrund der Bemühungen von Claus Fink und seinem Verein mit inzwischen immerhin 450 Mitgliedern oder dank der Unterstützung aus Hamburg, ist schwer zu sagen. Immerhin stellte die Hamburger Gemeinde einen engagierten Kantor, der das religiöse Leben und nicht nur die Gottesdienste in Lübeck prägt. Chaim Kornblum wurde 1965 geboren und stammt aus einer Familie von Shoa-Überlebenden, die nach dem Krieg aus Shanghai nach Deutschland zurückkehrte. Unter seiner Führung ist die Gemeinde streng orthodox geprägt. Die älteren Gemeindemitglieder nehmen an den Gottesdiensten und feierlichen Mahlzeiten (Kidduschim) aktiv teil. Das, so Vladimir M, sei auf Kornblums geduldigen und respektvollen Religionsunterricht und seinen einfühlsamen Umgang mit den Menschen zurückzuführen. Übrigens kam der junge Kantor kurz vor dem Brandanschlag auf die Synagoge nach Lübeck und wurde unmittelbarer Zeuge des Ereignisses, weil er im gleichen Gebäudekomplex seine Dienstwohnung hatte.

Weder das schreckliche Geschehen vor zehn Jahren, noch die seiner Ansicht nach viel zu milden Strafen – zweieinhalb bis viereinhalb Jahre Haft - für die vier gefassten Täter haben ihn aus Lübeck vertrieben. Ganz im Gegenteil – inzwischen hat er hier sogar eine Familie gegründet.