6. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2006 - 4. Tamus 5766

Deutschland im Fußballfieber

Juden und Fußball: Sonderausstellungen in Frankfurt/Main und Berlin

Von Elke Wittich

Egal ob Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig, München oder Halle – die deutschen Städte sind in diesen Wochen von der Fußball-WM geprägt. Beispiel Frankfurt am Main: Die orangefarbenen städtischen Mülleimer sind mit fußballplatzgrünen Aufklebern versehen worden, auf denen leidlich lustig kickerische Fachbegriffe erklärt werden; sämtliche Kneipenwirte und Ladenbesitzer sind auf die originelle Idee gekommen, ihre Lokale und Geschäfte mit Fähnchen der teilnehmenden Nationen. Auch das Jüdische Museum ist mit von der Partie. Gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Fürth präsentiert es die Ausstellung Kick it like Kissinger über Juden im Fußball.

Der ehemalige US-Außenminister ist seit seiner Jugend Fußballfan. Die mit grünem Kunstrasen, Tipp-Kick-Spielen und knautschigen Sitzsäcken im Fußball-Design angelegte Schau präsentiert das Thema alphabetisch von A wie Abseits bis Z wie Zionismus. Dazwischen ZDF-ähnliche Torwände, in deren kreisrunden Öffnungen Exponate wie historische Fotos, eine mit einem Kicker geschmückte Mesusa und eine Kippa mit Fußball-Muster zu sehen sind. Ein in einer Ecke stehender Fußballspieler gibt den Ball frei, wenn ein aus drei Fragen bestehendes Quiz richtig beantwortet wurde.

Juden im Fußball, das ist „natürlich ein geschichtliches Randthema", sagt Fritz Backhaus, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ausstellung. „Aber es ist doch schon sehr interessant zu sehen, dass es auch in Deutschland einen sehr großen Anteil von jüdischen Pionieren gab, die dabei mithalfen, aus einer englischen Randsportart eine Massenbewegung zu machen."

Zu diesen Pionieren gehörten die jüdischen Inhaber der Frankfurter Schuhfabrik Schneider, die in den zwanziger Jahren Hauptsponsoren der Eintracht waren. Die Firma Schneider produzierte hauptsächlich Pantoffeln, weswegen der Spitzname der Eintracht bis heute „Schlappekicker" lautet, auch wenn kaum einer mehr weiß warum. Auch die wenigsten Fans und Funktionäre, dass die Bundesrepublik ihren ersten Weltmeistertitel im Grunde einem Juden verdankt: Gustav Rudolf Mannheimer hatte sich als amerikanisches Fifa-Exekutiv-Mitglied 1950 beim Fußball- Weltkongress in Rio de Janeiro dafür eingesetzt, Deutschland wieder in den Verband aufzunehmen. Der 1873 in London geborene Sohn eines Frankfurter Kaufmanns hatte den Fußballsport in England lieben gelernt. Er gründete den Freiburger FC sowie den Vorläufer von Bayern München und wurde im Jahr 1900 erster Schriftführer des Deutschen Fußballbundes.

Zum deutschen Fußball gehört natürlich auch das Fachblatt „Kicker". Der durchschnittliche Leser wird nicht wissen, dass das Blatt von einem Juden gegründet wurde: Walter Bensemann war Inhaber, Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift, außerdem einer der Mitbegründer des Deutschen Fußballbundes. 1934 im schweizerischen Exil verstorben, erlebte Bensemann nicht mehr, dass seine Zeitung 1939 auf Veranlassung von Josef Goebbels ein – in der Ausstellung gezeigtes – Album mit fast allen deutschen Nationalspielern seit 1900 herausbrachte. Zwei Auswahlkicker fehlen: Gottfried Fuchs und Julius Hirsch. Die beiden jüdischen Stürmerstars aus Karlsruhe passten nicht ins – in der Ausstellung unter dem Stichwort „X-Beine" abgehandelten – Naziklischee vom unsportlichen Juden.
Infos: www.juedischesmuseum.de

Auch das Jüdische Museum Berlin widmet sich noch bis zum 9. Juli dem Thema Juden und Fußball. Im Garten des Museums zeigt die Open-Air-Installation Verdient und doch vergessen. Elf Juden im deutschen Fußball auf einem 228 Quadratmeter großen improvisierten Fußballfeld auf elf Leuchtstelen die Lebenswege von für den deutschen Fußball wichtigen jüdischen Spielern, Funktionären und Publizisten: Julius Hirsch, der erste jüdische Nationalspieler, Gottfried Fuchs, der 1912 bei den Olympischen Spielen in einem einzigen Spiel zehn Treffer erzielte, Walther Bensemann, Gründer der Fußballzeitschrift Kicker , DFB-Mitbegründer Gustav Manning, Kurt Landauer, Präsident des FC Bayern München von 1919 bis 1933, Richard Dombi, Trainer des FC Bayern von 1930 bis 1933, Simon Leiserowitsch, Spieler bei Tennis Borussia Berlin, Hans Rosenthal, Präsident von Tennis Borussia, die Sportjournalisten Willy Meisl und Max Behrens, sowie Jenö Konrad, Trainer des 1. FC Nürnberg, der Deutschland 1932 nach einer Hetzkampagne des Stürmers verließ. Infos: www.jmberlin.de

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 23 vom 8. Juni 2006