4. Jahrgang Nr. 5 / 19. Mai 2004 - 28. Ijar 5764

„Hass ist ansteckend“

Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel war Gastredner auf der OSZE-Konferenz im April in Berlin. In dem Interview spricht er über Antisemitismus, Angst und Menschenrechte

Von Andreas Mink

Herr Wiesel, welche Bedeutung hatte die OSZE-Konferenz in Berlin?

Elie Wiesel: Ich fühle mich selbstverständlich dazu verpflichtet, den Antisemitismus zu bekämpfen. Wie kann ich das nicht wollen, heute, da die Geister der Vergangenheit überall in Europa wieder zum Leben erwachen. An diesem Ort hat der Antisemitismus eine außergewöhnliche Form von Hass angenommen, die an Gewalttätigkeit und Dauer alles Bisherige in den Schatten gestellt hat. Der Kampf gegen den Hass ist ein zentraler Pfeiler des Kampfes für Menschenrechte. Damit meine ich jede Form von Hass, dessen älteste Spielart der Antisemitismus ist. Dieser ist in den letzten Jahren in Europa zunehmend gewalttätig geworden. Täglich werden Juden erniedrigt, trauen sich nicht mehr, die Kippa zu tragen, ihre Friedhöfe werden geschändet.

Was halten Sie von solchen Konferenzen?

Elie Wiesel:
Eine Konferenz gegen den Antisemitismus weckt die Leute auf. Die Öffentlichkeit redet darüber, und die Medien berichten. Die Regierungen müssen ihren Beitrag im Kampf gegen den Antisemitismus leisten. Wir brauchen praktische Ergebnisse. Hass ist zu einem so mächtigen Faktor geworden, dass er juristisch definiert werden muss. Das Völkerrecht sollte einschreiten und sagen: „Du darfst keinen Hass mehr verbreiten!“

Sie haben vom Wiedererwachen der„Geister der Vergangenheit“ gesprochen.

Elie Wiesel: Ich habe oft gesagt: Wenn Auschwitz die Welt nicht vom Antisemitismus kuriert hat, was dann? Der Antisemitismus hat zugenommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Hass ansteckend ist. Leute, die Juden hassen, die hassen auch andere. Hass kennt keine geographischen, religiösen oder ethnischen Grenzen. Leute, die hassen, hassen jedermann, und am Ende hassen sie sich selbst. Seit 1986 organisiere ich weltweit Konferenzen über den Hass. Wir wollen herausfinden, wo Hass herkommt. Von einem Kinderpsychologen habe ich gelernt, dass Kinder erst mit drei Jahren hassen können. Ich denke ständig darüber nach, wie sie das wieder verlernen können.

Hat dieser Hass neue Formen? Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat von drei Strömungen des Antisemitismus gesprochen, die nun zusammenfließen: eine islamistische, eine osteuropäische und residuale in Mittel- und Westeuropa.

Elie Wiesel: Ich achte weniger auf geographische Aspekte. Mein Ansatz ist eher philosophisch. Wie in den 1930er Jahren war der Antisemitismus bis vor kurzem Sache der extremen Rechten. Jetzt hat ihn die extreme Linke übernommen. Dazwischen haben sie die Muslime. Das sind breite Segmente europäischer Gesellschaften. Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Antisemiten weiter zunimmt– weltweit. Die oft zitierte Globalisierung existiert tatsächlich allein in Form des internationalen, antisemitischen Terrors.

Haben Sie Veränderungen in Europa wahrgenommen?

Elie Wiesel: In Europa leben Juden in Angst. Im vergangenen Jahr habe ich erstmals Juden getroffen, die mich nicht mehr fragten: „Sollen wir gehen?“, sondern: „Wann sollen wir gehen?“ Das ist eine ernste Lage – die haben Angst, den Zug zu verpassen.

Gibt es denn überhaupt greifbare Gründe für die Zunahme des Antisemitismus?

Elie Wiesel: Gründe sind immer albern, dumm. Die denken, dass wir Juden die Welt kontrollieren – gerade wir! Die hassen die Juden, weil sie zu reich sind oder zu arm, zu religiös oder nicht religiös genug, zu kosmopolitisch oder zu nationalistisch oder, oder, oder ... In diesem Hass fließen alle Widersprüche zusammen.

Heute sagen viele Europäer, Israels Politik sei die Ursache für Antisemitismus.

Elie Wiesel: Antisemiten brauchen keine rationale Begründung für ihren Hass. Wenn sie Israel nicht anführen, dann nehmen sie etwas anderes. Und sie kidnappen den Holocaust, das ist das Schlimmste. Das können Sie in der arabischen Welt sehen. Erst hieß es dort: Es gab den Holocaust nicht. Dann: Die Juden sind selber schuld daran gewesen. Und heute: Die Juden tun anderen das gleiche an. Was ist das für eine Perversion. Die Juden sollen die SS geworden sein. Ich habe die SS erlebt. Heute sehe ich in Europa auf Massendemonstrationen Parolen wie „Bush = Hitler“ oder „Scharon = Hitler“. Die Leute wissen nicht, was sie tun.

In Europa wird diskutiert, wie viel „Kritik an Israel erlaubt ist“.

Elie Wiesel: Nicht alle, die Israel kritisieren, sind Antisemiten. Ich höre da genau hin. Manche Kritiker werden von Hass motiviert. Mich interessiert, ob ein Kritiker schon jemals etwas Gutes über Israel gesagt hat und heute sagt: „Nun muss ich Kritik üben.“ Das ist sein gutes Recht. Aber in den meisten Fällen werden Sie sehen, dass die Kritiker von heute noch nie ein gutes Wort zu Israel gefunden und es immer nur als „kolonialistisch“, „imperialistisch“ bezeichnet haben.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 17 vom 29.4.2004