6. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2006 - 4. Tamus 5766

Gespräch unter Freunden

Zentralrat und Islamische Union diskutierten über Antisemitismus, Fremdenhass und Islamphobie

Von Tobias Kaufmann

Es war als Gespräch unter Freunden angekündigt, und genau das wurde es auch. Erstmals haben Ende Mai im Türkischen Haus in Berlin Juden und Muslime, Deutsche, Israelis und Türken mit Experten über Phänomene ausgetauscht, die Minderheiten in der Bundesrepublik gemeinsam betreffen: Antisemitismus, Fremden- und Islamfeindlichkeit. Eingeladen hatten der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB), die wichtigste Dachorganisation für muslimische Türken hierzulande. Die Schirmherrschaft hatten die Botschaften Israels und der Türkei übernommen, „gewissermaßen als Mutterländer der beiden Gemeinschaften", wie Israels Botschafter Shimon Stein es formulierte. Darüber hinaus machte er in seinem Grußwort deutlich, dass „Türken und Juden in Deutschland die Seismographen der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland" seien.

In einer Atmosphäre gegenseitigen Respekts betonten sowohl die Auftaktredner als auch die Wissenschaftler auf dem Podium – Türkeiexperte Faruk Sen, Antisemitismusforscher Martin Kloke und Vorurteilsforscher Andreas Zick – die Gemeinsamkeiten von Muslimen und Juden in Deutschland. Vor seiner programmatischen Rede, in der er sich gegen die Theorie eines Kampfs der Kulturen wandte, bat der türkische Botschafter Mehmet Irtemçelik das Publikum um eine Schweigeminute für den verstorbenen Zentralratspräsidenten Paul Spiegel. Anschließend versprach er, das „Netz von Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Frieden und Eintracht mit allen Religionen" weiter zu knüpfen und den Dialog mit allen Religionen zu intensivieren.

Mehmet Yildirim, Generalsekretär der DITIB, bekannte sich in seinem Grußwort zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik. Zugleich beklagte er, dass eine Mehrheit der Muslime in der Öffentlichkeit für terroristische Attentate in Haftung genommen werde.

Für den Zentralrat forderte Präsidiumsmitglied Albert Meyer einen deutlicheren Kampf gegen Rechtsextremisten und mehr Akzeptanz für Minderheiten. „Der Zentralrat wird es nicht schweigend hinnehmen, wenn Muslime und türkische Bürger in diesem Land diskriminiert werden."

In der abschließenden Podiumsdiskussion stellten alle Experten eine beunruhigende Zunahme antisemitischer, fremden- und islamfeindlicher Tendenzen in Deutschland feststellten.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 21, 26. Mai 2006