6. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2006 - 4. Tamus 5766

Neues Jüdisches Leben in der Wissensstadt

Jüdische Gemeinde Göttingen – 200 Mitglieder setzen auf abwechslungsreiches Programm

Von Irina Leytus

Im Südosten Niedersachsens gelegen, versteht sich Göttingen als „Stadt, die Wissen schafft". Der Kurfürst von Hannover und König von England, Georg August, gründete 1734 die Universität in Göttingen, die damals zu den größten in Europa und bis heute zu den bedeutendsten deutschen Universitäten zählt. Neben der Georg-August-Universität ergänzen zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen das Bild der Stadt des Wissens.

Die Anfänge jüdischen Lebens in Göttingen reichen weit in die Geschichte zurück: 1289 wurden Juden in dieser Region erstmals erwähnt. Im Mittelalter war Göttingen eine freie und prosperierende Hansestadt. Sein vorübergehendes Ende fand das jüdische Leben in Göttingen im Frühjahr und Sommer 1942 mit den Deportationen nach der Wannsee-Konferenz. Am 9. November 1973 - 35 Jahre nach der Pogromnacht von 1938 - wurde auf dem Platz, wo früher die große Synagoge stand, ein beeindruckendes Denkmal eingeweiht. Die Skulptur hat der italienischen Künstlers Corrado Cagli, der aus einer jüdischen Familie stammt, entworfen. Sie besteht aus 86 übereinander geschichteten gleichschenkligen und immer kleiner werdenden Dreiecken, die eine Pyramide aus Davidsternen bilden und von der Seite betrachtet wie eine Flamme aussehen. Auf fünf Bronzetafeln stehen die Namen und Geburtsdaten der 282 jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus der Stadt und dem Landkreis Göttingen, die von den Nazis ermordet wurden.

Über fünfzig Jahre mussten also vergehen, bis sich vor wenigen Jahren wieder neues jüdisches Leben in Göttingen etablierte. Viele Jahre davor konnte sich Göttingen mit einem jüdischen Oberbürgermeister „schmücken": Zwischen 1972 und 1992 war Artur Levi, ein aus München stammender Pädagoge und Sozialdemokrat, der den Naziterror in England überlebte, Vorsitzender des Rates der Stadt. Heute ist er Göttingen Ehrenbürger. Im Jahre 1994 gehörte Levi zu den Gründern der wieder entstehenden jüdischen Gemeinde, die sich 2002 der Union progressiver Juden in Deutschland anschloss und seit November 2005 auch zum Zentralrat der Juden gehört.

Im Jahre 2004 bezog die inzwischen wieder über 200-köpfige Gemeinde ein Fachwerkhaus am Rande der Altstadt. Im Garten wird in diesem Jahr die einstige Synagoge aus Bodenfelde – einer etwa 50 Kilometer entfernten Kleinstadt - wieder aufgebaut. Trotz der umfangreichen Umbau- und Restaurierungsarbeiten läuft das Gemeindeleben auf Hochtouren: Gottesdienste, Religionsunterricht, Kulturcafe mit Lesungen und Konzerten eines eigenen Musikensembles, Deutsch- und Hebräischkurse sowie israelische Tänze gehören neben der engagierten Sozialarbeit und Betreuung zum inzwischen selbstverständlichen Angebot.

Etwa neunzig Prozent der Gemeindemitglieder stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und brauchen viel Hilfe und Unterstützung vor allem in religiösen Fragen, die die Gemeinde gerne anbietet. Inzwischen finden jeden Freitagabend Gottesdienste zum Kabbalat Schabbat statt, einmal im Monat auch Schacharit. Die rabbinische Betreuung hat das Berliner Abraham-Geiger-Kolleg übernommen.

Besonders stolz ist die Gemeinde auf ihren über 300 Jahre alten Friedhof an der Kasseler Landstraße. Chewra-Kadischa-Gruppen – für Frauen und Männer – sorgen für Beerdigungen nach jüdischem Ritus. Gärtnermeister Günther Preissler betreut den Friedhof schon in der vierten Generation – ein geradezu paradoxes Beispiel für die lange, gute und kontinuierliche Zusammenarbeit von Juden und Nichtjuden in Göttingen, die heute wieder geachtete und respektierte Bürger der Universitätsstadt sind.