6. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2006 - 4. Tamus 5766

Patent, klug, charmant

Die Münchenerin Charlotte Knobloch lenkt künftig die Geschicke des Zentralrats

Das Timing ist perfekt. Charlotte Knobloch hat in ihrem Leben alles, was sie beeinflussen konnte, Schritt für Schritt gemacht. Nachdem ihre drei Kinder aus dem Haus waren, hat sie den Sprung auf die Funktionärslaufbahn der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gewagt. 1985 wurde sie deren Präsidentin. 1997 wurde die Münchenerin als erste Frau Vize-Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Später folgte die Wahl zur Vize-Präsidentin des Europäisch-Jüdischen Kongresses und des Jüdischen Weltkongresses.

In den vergangenen Jahren dann widmete sich Frau Knobloch mit aller Kraft dem Aufbau des neuen Jüdischen Zentrums am Münchner Jacobsplatz – ein selbstbewusstes Projekt einer gefestigten jüdischen Gemeinde im Herzen einer deutschen Metropole. Jetzt steht das Gemeindezentrum kurz vor der Vollendung - im November soll es eingeweiht werden.

Am 7. Juni schließlich der jüngste Schritt: Charlotte Knobloch wird an der Spitze des Zentralrats der Juden gewählt. Das Engagement für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist ihr eine Herzensangelegenheit, denn Knobloch gehört zwar noch zu jener Generation, die die Schrecken des Holocaust selbst erlebt hat. Zugleich gehört sie jedoch zu jenen Juden, die in der Bundesrepublik nicht auf gepackten Koffern saßen, sondern sich hier stets aufgehoben, sicher und zu Hause fühlten. „Ich bin geborene Münchnerin, ich bin Deutsche, ich bin Bürgerin hier in meiner Heimat", sagt sie. Charlotte Knobloch wurde am 29. Oktober 1932 geboren. Sie war erst sechs, als in Deutschland die Synagogen brannten. Sie erlebte rassistische Beleidigungen, Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, die Festnahme des Vaters. Nach der Scheidung der Eltern hatte die Großmutter die Erziehung übernommen - doch nur für kurze Zeit: 1942 wird sie ins KZ deportiert. Die kleine Charlotte überlebte bei einem früheren Dienstmädchen der Familie, das das Kind als uneheliche Tochter ausgab. Nach dem Krieg trafen Vater und Tochter sich in München wieder – und blieben. 1951 heiratet sie Samuel Knobloch, einen Überlebenden des Krakauer Gettos. Eigentlich hatte das Ehepaar das Land der Täter verlassen und in die USA auswandern wollen, aber die erste Schwangerschaft ließ diese Pläne platzen. Knobloch, seit einigen Jahren verwitwet, hat sieben Enkelkinder.

TK/zu

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 23 vom 8.6.06