6. Jahrgang Nr. 6 / 30. Juni 2006 - 4. Tamus 5766

Das neue Spitzen-Trio

Charlotte Knobloch zur Präsidentin des Zentralrats der Juden gewählt, Salomon Korn und Dieter Graumann sind ihre Stellvertreter

Zukunft 6. Jahrgang Nr. 6
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Mit Spannung wurde das Ergebnis von der Öffentlichkeit im Frankfurter Airport-Conference-Center erwartet: Charlotte Knobloch ist am 7. Juni zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt worden. Die Münchenerin übernimmt das Amt von Paul Spiegel sel. A., der am 30. April 2006 nach schwerer Krankheit gestorben ist. Mit der Wahl von Frau Knobloch, die ebenfalls Vize-Präsidentin des Jüdischen Weltkongresses, Vize-Präsidentin des Europäisch Jüdischen Kongresses und langjährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist, steht erstmals eine Frau an der Spitze des Dachverbands der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Neben dem bisherigen Vize-Präsidenten Prof. Dr. Salomon Korn wird künftig auch Dr. Dieter Graumann dieses Amt übernehmen.

„Ich freue mich auf die gemeinsame Arbeit im Präsidium", sagte Knobloch nach der Wahl in Frankfurt. Sie betonte. „Ich hoffe, dass Gott mir die Kraft und die Gesundheit für die neue Aufgabe gibt." Als wichtigste Aufgabe des Zentralrats nannte Knobloch die Integration der jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion – sowohl in die Gemeinden als auch in die deutsche Gesellschaft. „Wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, ihre absolut vorhandenen Fähigkeiten einzubringen", sagte die 73jährige. Zudem wolle sie, die ihre „Koffer ausgepackt" hat, dafür arbeiten, dass die in Deutschland lebenden Juden hier wirklich Zuhause sind. Der Zentralrat müsse deshalb auch den Patriotismus- Begriff neu definieren und besetzen. Als dritten Schwerpunkt nannte Knobloch den Dialog mit Christen und Muslimen.

Vize-Präsident Korn, der nicht für das Präsidentenamt kandidiert hatte, versprach, die Teamarbeit an der Spitze des Zentralrats fortzuführen, die Knoblochs Vorgänger Paul Spiegel sel. A. eingeführt hatte. „Es hat sich bewährt, dass der Zentralrat auch unabhängig von seiner jeweiligen Führung weiterarbeiten kann." Knobloch sei „die Erste unter Gleichen".

Der neugewählte Vize-Präsident Graumann unterstrich die Bedeutung der Rolle Und Verantwortung des Zentralrats als Stimme aller Juden in Deutschland und die Pflicht, die positiven Werte und die spirituelle Kraft des Judentums wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Dennoch bleibe die Erinnerung an die Katastrophen des jüdischen Volkes eine immerwährende Aufgabe des Zentralrats. „Es ist uns wohl ein letztes Mal gelungen, mit Frau Knobloch eine Vertreterin jener Generation für dieses Amt zu gewinnen, die die Schrecken der Schoa noch selbst erlebt hat." Künftige Aufgabe der zweiten und dritten Generation sei es, die Erinnerung wachzuhalten, auch emotional.

Charlotte Knobloch kündigte an, sich bald mit Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen zu wollen. Vor allem den Umgang mit dem Iran wolle sie dabei ansprechen und eine klare Haltung einfordern.

Charlotte Knoblochs Wahl an die Spitze des Zentralrats wurde durchgehend positiv bewertet. Bundespräsident Horst Köhler wünschte ihr viel Kraft für das neue Amt: „Sie übernehmen eine in unserem Land schwierige und zugleich besonders wichtige Aufgabe. Dafür bin ich Ihnen dankbar."

Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte der neuen Präsidentin und bot ihr eine weiterhin gute Zusammenarbeit an. In einem Schreiben von SPD-Chef Kurt Beck an Knobloch hieß es, der Kampf gegen jede Form von Antisemitismus, Rechtsradikalismus und fremdenfeindliche Gewalt müsse Aufgabe aller Demokraten sein.

Der FDPVorsitzende Guido Westerwelle sagte, seine Partei wolle das Bemühen des Zentralrats um Toleranz im Inneren und Völkerverständigung weltweit unterstützen. Auch die Bundesvorsitzenden der Grünen, Claudia Roth und Reinhard Bütikofer, sicherten ihre Hilfe zu. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte: „Charlotte Knobloch hat sich in großartiger Weise für eine Kultur des Respekts und des Dialogs in unserem Land eingesetzt."

Glückwünsche kamen auch vom Jüdischen Weltkongress. Vizepräsident Maram Stern hob hervor, dass sich Knobloch mit Engagement, Intelligenz, Weitsicht und Herzensgüte in ihrer bisherigen Arbeit auf nationaler und internationaler Ebene hohe Anerkennung und Beliebtheit erworben habe. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, und der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, gratulierten Knobloch zu ihrer Wahl.

TK/zu

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 23 vom 8.6.2006