6. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2006 - 4. Siwan 5766

SCHAWUOT - Das Fest der Offenbarung

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Sieben Wochen lang wurden - gemäß der Anweisung in der Tora - die Tage und Wochen seit Pessach gezählt, um schließlich genau am 50. Tag Schawuot, das Fest der Offenbarung der Zehn Gebote, der Tora und im weiterten Sinne ein Fest zu ehren der ganzen Heiligen Schrift am 6. Siwan (2. Juni) zu feiern. Das Fest der Offenbarung der Tora ist eines der drei Wallfahrtsfeste, die uns die Tora überliefert. Die Wallfahrten unserer Ahnen hatten stets Jerusalem, den Bet Hamikdasch (Tempel) zum Ziel. Niemals pilgerte man in die Wüste, zum Berg Sinai, eben zu jener Stelle an der für uns einst alles mit der Übergabe der Zehn Gebote - unter Blitz und Donner - begann. Für uns besitzt der Berg Sinai nur in Zusammenhang mit der Urgeschichte Israels eine einmalige Heiligkeit. Die dauerhafte, über alle Zeiten währende Heiligkeit strahlt die Tora als das Wort G-ttes aus. Als die Kinder Israels einst vom Fuße des Berges in die Wüste weiterzogen, verlies auch die Schechina, die Herrlichkeit G-ttes, diesen Ort, um in Jerusalem Einzug zu halten.

Damit ist es zu erklären, dass die meisten, die nach Sinai pilgern, keine Juden sind und die, die einst dort ein Kloster erbauten, Mönche waren. Die Wüste und die Jahre der Wanderung spielen für uns jedoch bis heute eine besondere Rolle. Dieser Zeitraum festigte die Tora im Volke, schärfte das Bewusstsein der Israeliten als freies Volk G-ttes und den Bund mit Ihm. Die Rabbinen werden auch nie müde, die Bedeutung dessen zu unterstreichen, dass die Zehn Gebote uns in der Wüste und nicht in einem bewohnten Land, mit klaren Besitzverhältnissen, übergeben wurden. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass somit ein jedes Volk und jeder Mensch das Gefühl haben soll, diese Worte wären auch ihm gegeben worden, um auch ihn anzusprechen - wo und wann auch immer er sich bereit erklärt, diese Botschaft anzuhören und zu befolgen. Demnach wäre die Offenbarung G-ttes als keine exklusive Gabe an Israel gedacht, sondern das Gut der ganzen Menschheit. Ebenso betonen unsere Meister die Bedeutung der Tatsache, dass die Tora uns vor der Landnahme, also nicht im Heiligen Land selbst, sondern am Berge Sinai in der öden Wüste geschenkt wurde. Denn im Heiligen Land waren unsere Vorfahren damit beschäftigt, die karge Wüstenlandschaft zu bebauen, die richtigen Kniffe der Landwirtschaft zu erlernen und die Städte zu besiedeln. Wer hätte damals schon Zeit für das Studium der Tora gehabt? Ganz anders indes die Zeit während der Wanderungen in der Wüste, die voller Entbehrungen in Bezug auf materielle Güter war. Da nahm das Volk jene g-ttliche Lehre, die unsere Lebensführung bis heute nachhaltig beeinflusst, bereitwillig auf.