4. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2004 - 9. Ijar 5764

Gemeinsamer Protest gegen Gibson-Film

Antisemitisch und brutal: Zentralrat der Juden und Kirchen-Vertreter warnen in gemeinsamer Erklärung vor Gefahr durch „Die Passion Christi“

Von Hans-Ulrich Dillmann

Vor einem Missbrauch von Mel Gibsons „Die Passion Christi“ zu antisemitischer Propaganda haben der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche (EKD) in Deutschland gewarnt. Es bestehe die Gefahr, dass „der Film im Sinne antisemitischer Propaganda instrumentalisiert werden kann“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung, die vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, dem Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, und dem Präsidenten des Zentralrats, Paul Spiegel, gemeinsam unterzeichnet wurde. Dies sei besonders brisant angesichts eines Erstarkens „antisemitischer Tendenzen in Europa“. Gleichzeitig warnten die Vertreter der drei Religionen vor der Brutalität des Films. „Das Ausmaß der brutalen Szenen der Gewalt empfinden wir als überaus verstörend“, heißt es. Spiegel lobte die Erklärung als ein „außerordentlich positives Zeichen“ für den jüdisch-christlichen Dialog. Eine gemeinsame Stellungnahme in dieser Form habe es bisher noch nicht gegeben.

Heftige Kritik an der Passion Christi äußerte auch die Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch. Der Film sei eine unselige Mischung von überwunden geglaubtem „christlichem Antijudaismus“ und „filmischer Gewaltverherrlichung“. Salomon Korn nannte den Film im Rundfunk eine „Zumutung“. Es spiele für ihn keine Rolle, ob die Absicht des Films antisemitisch sei: „Er ist in der Tendenz antisemitisch, weil die jüdischen Hohe Priester als verschlagen und als schuldig nicht nur am Tod Christi, sondern auch an der Tortur dargestellt werden“, sagte der Vizepräsident des Zentralrats. Der Zuschauer gehe ohne jeden Erkenntnisgewinn aus dem Gibson-Film heraus. „Am Ende hat man von der christlichen Botschaft nichts begriffen. Man geht völlig verstört aus dem Film heraus und fragt sich, ob das das Ende aller Grausamkeiten ist“, sagte Korn, der auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main ist.

Der Schriftsteller und Publizist Rafael Seligmann sagte in der ARD, er sei erschüttert über die Gewalt und Unmenschlichkeit des Films. Die Christen und Juden glaubten an eine Religion der Liebe, sagte Seligmann. In Gibsons Film diene die biblische Botschaft jedoch „als Alibi der Gewalt“, sagte Seligmann. Der Film sei eine gefährliche und entmenschlichte Mixtur.

Der nächste Ärger mit Mel Gibson scheint schon programmiert. Als nächsten Film möchte der Regisseur den Aufstand der Makkabäer in Szene setzen. Deren Sieg wird jedes Jahr mit dem achttägigen Chanukka-Fest begangen. Der Kampf gegen Unterdrückung sei für ihn „wie ein Western“, zitiert die New York Daily News Gibson.